Restart rückt näher – so startet ihr fit ins Mannschaftstraining und beugt Verletzungen vor

Verbesserung maximale Sauerstoffaufnahme

Die Inzidenzzahlen fallen bundesweit, Lockerungen für den Sport sind in Aussicht. In ein paar Wochen werden wir wohl wieder in Gruppen auf den Platz dürfen. Doch nach dann knapp sieben Monaten ohne Mannschaftstraining ist die Verletzungsgefahr besonders bei erwachsenen Amateurfußballer:innen größer denn je. Spieler:innen sollten sich von nun an auf den Restart vorbereiten, um Verletzungen vorzubeugen. Diese Vorbereitung sollte über den klassischen und vermutlich in den vergangenen Monaten häufiger durchgeführten Dauerlauf hinausgehen.

Wenn wir zu Spielformen zurückkehren, verlangen wir von unserem Körper ein ganz anderes Bewegungsmuster mit vielen Abstoppbewegungen und Richtungswechseln. Die Erfahrungen aus den Einzeltrainings haben gezeigt, dass der Körper nicht nur Zeit benötigt, um sich an diese plötzlich ungewohnten physischen Belastungen zu gewöhnen, auch konditionell wird auf einmal wieder etwas völlig anderes von ihm verlangt. Deshalb möchte ich euch ein paar Dinge an die Hand geben, wie ihr euch wieder fußballfit bekommt, damit euer Körper fußballspezifische Bewegungen wieder gut meistern kann. Ich gehe dabei davon aus, dass regelmäßige 30-40 minütige Dauerläufe zumindest annähernd regelmäßig durchgeführt wurden.

Maximale Sauerstoffaufnahme durch HIIT-Workouts verbessern

Im ersten Schritt stellen wir also von Dauerlauf auf Intervallbelastung um. Intervalle verbessern die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) deutlich effektiver als jeder Dauerlauf. Ich will nicht zu wissenschaftlich werden. Alles, was ihr zur VO2max wissen solltet: Wer unter Belastung maximal viel Sauerstoff pro Minute über die Lunge aufnimmt, verbessert den Sauerstofftransport über das Blut und damit die Sauerstoffversorgung der Zellen. Wer also seine maximale Sauerstoffzunahme durch Training erhöht, ist besser ausdauernd leistungsfähig.

Mit unterschiedlichen Intervallläufen, sogenannten HIIT-Workouts (High Intensitiy Intervall Training) könnt ihr eure VO2max verbessern. 4x 1000m (max. 4:00 min/km Richtzeit) sind dabei das längste Intervall, das ich euch an die Hand geben möchte. Viele kennen das vielleicht aus dem Fußballtraining mit 4x vierminütigen, hochintensiven Spielformen oder auch Parcouren. Je nach Fitnesszustand machst du 2 bis 3 Minuten Pause zwischen den Wiederholungen. Die Pause darf gerne aktiv sein. In diesem Fall ist Gehen ausreichend.

Auch 6x 400m Intervalle (max. 1:30 min/Runde Richtzeit) oder 8x 200m sind gute gleichmäßige Intervallübungen. Ich persönlich bevorzuge kürzere Intervalle ab 400m abwärts, weil ich mich in kürzerer Zeit maximal verausgaben kann. Als Variante empfehle ich persönlich die Kombination unterschiedlicher Intervalle. Hier 3 Übungen für ein kombiniertes Intervalltraining:

Workout 1
– 2x 400m (90-95% Intensität)
– 3x 200m (90-95% Intensität)
– 4x 80m (90-95% Intensität)
– 1:30 min Pause zwischen den 400er und 200er Intervallen, 45 sec zwischen den 80ern

Workout 2
– 2x 400m (1:45 min/Runde Richtzeit, jeweils 1:00 min Pause)
– 4x 100m (90-95% Intensität, jeweils 30 sec aktive Pause)
– 1x 400m direkt nach dem letzten Sprint, also ohne Pause (1:45 min Richtzeit)
– insgesamt 3 Sets mit je 3:00 min Pause zwischen den Sets

Workout 3
– 1x 200m (15 sec Pause)
– 1x 400m (30 sec Pause)
– 1x 600m (45 sec Pause)
– 1x 800m (60 sec Pause)
– 10x 150m (jeweils 15 sec Pause dazwischen)
– Tempo nach Leistungsvermögen aber mindestens 85% Intensität

Wenn ihr in den kommenden 2-3 Wochen bis zum möglichen Restart 2x/Woche ein solches Workout macht, schafft ihr schon eine gute Grundlage. Häufiger als 3x mal HIIT pro Woche solltet ihr sein lassen. Der Körper benötigt bei maximaler Beanspruchung auch ausreichend Erholung.

Sprintintervalle für einen noch besseren Trainingseffekt

Wer die Intensität noch steigern und sich noch fitter beim Restart zeigen möchte, der kann auch maximale Sprint-Intervall-Workouts einbauen. Ich würde das immer empfehlen. Durch die maximale Belastung beim Sprinten werden Muskeln aktiviert, die bei geringerer Intensität nicht beansprucht werden. Wer mag, kann auch ganz fußballnah mit Richtungswechseln sprinten. Auch hier gebe ich euch 3 Übungen an die Hand.

Workout 1 – Pyramide
– 16x 25m Sprint (gleiche Distanz aktive Erholung durch Traben)
– 8x 50m Sprint (gleiche Distanz aktive Erholung durch Traben)
– 4x 100m Sprint (gleiche Distanz aktive Erholung durch Traben)
– 8x 50m Sprint (gleiche Distanz aktive Erholung durch Traben)
– 16x 25m Sprint ((gleiche Distanz aktive Erholung durch Traben)

Workout 2 – Buchstaben-Sprints mit Richtungswechseln
– mit Markierungsscheiben ein M abstecken (6x 6m Feld)
– das M entlang sprinten und beim Richtungswechsel kräftig abdrücken
– 3x 6 Wiederholungen, Pause: 15 sec zwischen den Sprints / 2:00 min zwischen den Sets

Workout 3
– 50/75/100/150/200m Sprint (dazwischen gleiche Distanz aktive Erholung)
– 3-4 Sets, 3:00 min Pause zwischen den Sets

Die Vorteile von HIIT

Egal für welches HIIT-Workout ihr euch in eurer Trainingswoche entscheidet, erzielt ihr positve Trainingseffekte. Ihr verbrennt deutlich mehr Körperfett als bei moderatem Training. Außerdem wird durch den überdurchschnittlich hohen Sauerstoffverbrauch euer Stoffwechsel angeregt. Das allerbeste am HIIT ist aber der Nachbrenneffekt. Um euren Körper wieder in einen Normalzustand zu bringen, wird auch viele Stunden (24 bis 72, je nach Intensität) nach dem Workout noch Energie benötigt. Auch wenn dieser Effekt auch mit moderatem Lauftraining erzielt werden kann, benötigt ihr beim HIIT dafür viel weniger Zeit. Es ist also effizienter. Außerdem zeigen Studien, dass ihr eure Ausdauer mit HIIT im Vergleich zu normalem Lauftraining drei- bis viermal so schnell verbessert.

Abschließend möchte ich natürlich auch sagen, dass dieses Training euch nur auf die bevorstehenden Belastungen vorbereitet. Fußballspezifische Ausdauer ist noch mal eine andere, die ich persönlich am liebsten mit dem Ball trainiere und nicht auf der Laufbahn.

13 Monate Fußball mit Corona – wie ein Tiefschlag meine Motivation zurückbrachte

Corona Fussball Training

Ein Jahr und einen Monat lang hat uns die Pandemie schon im Griff. Bis auf wenige Monate Ausnahme im vergangenen Sommer ist auch der Fußball lahmgelegt. Eine klare Perspektive gibt es weiterhin nicht. Nur die Hoffnung, dass ja irgendwann alles vorbei sein müsse, schlummert noch irgendwo im Hinterkopf. Der Lehrlauf hat Folgen. Die Verbindung zum Sport, zum Spiel bröckelt.

Zuletzt haben zwei Spieler in meiner Mannschaft zum Saisonende aufgehört. Wann auch immer das genau sein soll oder vielleicht auch schon war. Mich hat das persönlich getroffen. Beide Spieler sind Mitte/Ende 20, voll im Saft, zählten zum Stammpersonal. Der Abstand zum Fußball hat den Kopf ins Grübeln gebracht und Raum gegeben, über eigene Prioritäten nachzudenken. Wer kann es ihnen verübeln? Noch nie war es emotional so leicht, mit dem Fußballspielen aufzuhören wie jetzt.

Ich mache mir Vorwürfe. Ich habe die Mannschaft in der Zeit, in der gar nichts stattfinden konnte, alleine gelassen. Der Grund ist einfach: Ich habe mich selbst gefragt, ob ich mich als Spieler an einem Dienstagabend im Winter vor den Laptop setzen und Pamela-Reif-Workouts machen möchte oder mich zu einer Laufchallenge in die Dunkelheit zwinge. Nein, war die Antwort. Ähnliches war auch aus Gesprächen mit Spielern herauszuhören. Was im ersten Moment vielleicht die richtige Lösung zu sein schien, hat die Entfremdung vom Fußball, auch vom Team unterm Strich sicherlich etwas verstärkt.

Warum ich zu dieser Annahme komme? Seitdem wir in Hamburg wieder unter der Woche unter Flutlicht reguläres Einzeltraining (2 Spieler + 1 Trainer) machen können, entsteht eine tolle Sogwirkung. Herrschte am Anfang bei vielen Spielern noch Skepsis (nur wer möchte, trainiert auch), will jetzt fast jeder regelmäßig wieder auf dem Platz stehen, sich bewegen, zumindest mal 1-2 Teamkameraden sehen, unter der Woche mal rauskommen und mal etwas Anderes machen. Die Distanz zum Fußball war also anfänglich spürbar. Auch in Gesprächen wird klar, dass viele die terminliche Freiheit ganz gut fanden und finden. Doch umso näher jeder von ihnen dem Ball, den Jungs, der Routine kommt, desto stärker wird auch das Verlangen danach. Deshalb denke ich, dass auch regelmäßige Zoom-Workouts anfänglich vielleicht Überwindung gekostet hätten, aber dann doch ein stückweit mannschaftliches Zusammensein hätten bedeuten können.

Klar ist aber auch: Auf dem Platz zu stehen und den Ball aufs Tor zu schießen, ist etwas komplett Anderes, als auf dem Wohnzimmerboden Squat Jumps zu machen. Deshalb auch folgende Erkenntnis: Um den Amateursport mit viel Schwung wieder anrollen zu lassen, wenn das Infektionsgeschehen es zulässt, muss die minimalste Form des Fußballtrainings weiterhin möglich sein. Draußen zu sein bedeutet geringes Risiko. In 3-4 kleinen Zweiergruppen auf einem ganzen Platz zu trainieren, bedeutet geringes Risiko. Die Kabinen bleiben ja zu, die Gruppen während des Trainings getrennt. Natürlich ist es ein Luxus, wenn man dieses Angebot mit 3-4 Trainern machen kann, aber selbst wenn nicht so viel Personal zur Verfügung steht: Jedes Einzeltraining sorgt für Ausgleich, für Abwechslung, für Herumalbern und Sprücheklopfen mit ein paar der Jungs. Vor allem aber wirkt es der fehlenden Motivation, der wachsenden Distanz zum Fußball entgegen.

Dass das Aufhören zwei meiner Spieler und der Start in einen regulären Einzeltrainingsbetrieb quasi zeitgleich kam, hat in mir eine Motivationsexplosion ausgelöst. Ich stehe wieder dreimal die Woche auf dem Platz. Anfänglich habe ich Couch und Netflix auch etwas vermisst. Jetzt freue ich mich bei Wind und Wetter auf den Platz, plane die neue Saison (wann auch immer diese starten wird), schaue mir Probespieler im Einzeltraining an.

Einzeltraining macht richtig Laune. Und vor allem macht es Sinn. Ich habe letztens mit einem Trainerkollegen gesprochen, der in meinem Verein die U17-Regionalliga trainiert. „Individuell haben sich die Spieler richtig gut weiterentwickelt durch das Einzeltraining“, hat er gesagt. Auch bei meinen Herren sehe ich beim Erstkontakt, beim Passspiel, beim Abschluss Fortschritte. Es lohnt sich also und wird sich vor allem dann auszahlen, wenn alle wieder gemeinsam auf den Platz können. Trotzdem bieten viele Herrenteams kein Einzeltraining an. Die Quittung könnten weitere Kündigungen sein. Ich tue jetzt alles, damit das in meiner Mannschaft nicht weiter passiert.

Ist das alles, lieber Amateurfußball?

Fußball Einzeltraining mit Trainer Jan-Hendrik Schmidt
Alternativen für das Fußballtraining finden, statt nur die Rückkehr zum Spielbetrieb zu diskutieren

Wir schreiben den zwölften Monat Pandemie in Deutschland. Dem Amateur- und Jugendfußball fällt aber immer noch nichts Besseres ein, als darüber zu diskutieren, wann man denn wieder Spiele absolvieren und mit der Mannschaft trainieren könnte. Und das tut der Fußball eigentlich schon seit einem Jahr. Aber wie ich schon mal erwähnte, muss es nach all der Zeit auch eine Alternative zum Fußball geben, den wir kennen und vermissen. Es muss darum gehen, überhaupt eine Art realistisches, fußballspezifisches Angebot zu schaffen – und das wäre mit Einzeltraining möglich!

Jetzt könnte man sich stundenlang darüber echauffieren, dass die Politik den Fußball und auch den Amateurmannschaftsport stiefmütterlich behandelt. In vermutlich jedem Öffnungsplan käme der Sport eher im letzten Zyklus. Abgesehen davon, dass das aus gesellschaftlicher, aber auch aufgrund von Mitgliederschwund wirtschaftlicher Sicht ein großer Fehler ist, verschafft sich der Fußball- bzw. Vereinssport aber auch weiterhin kaum Gehör.

Weniger Pöbelei, mehr Konzepte

Wenn Verbandsfunktionäre in der Öffentlichkeit ihre Stimme erheben, dann geht es eigentlich ausschließlich um den Wettkampf und die Vorbereitung darauf, also das Mannschaftstraining. Es geht aber zu keiner Zeit darum, alternative Konzepte zu erarbeiten und mit diesen bei der Politik vorstellig zu werden. Viele Fußballer wollen es zwar nicht hinnehmen, dass nicht gespielt und normal trainiert werden darf, bepöbeln in Sozialen Medien regelmäßig Virologen und Politiker, aber zeigen auch überhaupt kein Interesse daran, Mittelwege und neue Ideen fernab von Spielbetrieb und Mannschaftstraining zu finden.

Was ich damit sagen will: Wie sollen Verbände als Interessensvertreter für Alternativen einstehen, wenn spürbar das einzige Interesse vieler am Spielbetrieb teilnehmenden Personen ausschließlich der Spielbetrieb selbst ist? Ein Teufelskreis.

Verordnungs-Irsinn für Einzeltraining

Dabei könnte es eigentlich ganz einfach sein. Flutlicht an, Einzeltraining los. Ach nein, das geht ja nicht. Denn: Wenn Einzeltraining, das eigentlich laut Verordnung erlaubt ist, organisiert stattfindet, was es nämlich zur besseren Planbarkeit auch müsste, dann ist es wieder verboten. Verstanden? Ich darf also mit einem Spieler privat auf den Platz. Wenn ich aber mit einem Spieler privat auf den Platz gehe und das ganze vereinsintern abgesprochen wurde, damit nicht zeitgleich zu viele Personen dort sind, ist es verboten. Jetzt verstanden?

Menschen brauchen Sport, deshalb muss ein Angebot her

Kommen wir zum springenden Punkt. Wir müssen Sport anbieten. Für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene. Dafür müssen Konzepte her. Daran werden sich natürlich, wie sonst überall auch, nicht alle halten, aber die allermeisten. Und die es nicht tun, dürfen nicht mehr. Ganz einfach.

Wie kann so etwas aussehen? Vereine erarbeiten ein Konzept, das eine Aufteilung des Fußballplatzes beinhaltet. Zeitgleich dürfen nur bis zu zwölf Personen auf dem Platz sein und immer nur in Zweiergruppen (Trainer + Spieler) miteinander trainieren. Keine Kabinen, keine Ansammlungen. Nach einer Stunde kommt ein weiterer Spieler. Ein Team mit vielen Trainern darf maximal drei Trainer und drei Spieler gleichzeitig am Platz haben, damit auf dem Weg zum Training, in den Pausen und auf dem Weg nach Hause nicht zu viele Teammitglieder miteinander interagieren könnten.

Einmal Fußball pro Woche pro Spieler ist besser als nichts

Ja, in der Organisation und Durchführung muss immer wieder ermahnt und auch verwarnt werden. Kommunikation und vereinsinterner Zusammenhalt müssen gelebt werden. Und ja, in einer Trainingszeit schaffe ich bei 45 Minuten Training pro Spieler so maximal sechs Spieler. Das sind je nach Anzahl an Einheiten pro Woche aber immerhin 12-18. Nutze ich als Verein auch das Wochenende effektiv, ist fast jeder Spieler pro Woche einmal dran – und das bei Großfeldmannschaften. Bei den Junioren, also denen, die es dringend brauchen, sind die Kinder aufgrund der Kadergröße sogar häufiger dran. Macht also einmal Sport pro Woche. Das ist mehr als nichts und allein deshalb schon ein Gewinn.

Die eigene Erfahrung zeigt: Jeder Spieler, der endlich wieder einen Ball am Fuß hatte, ihn passen und aufs leere Tor schießen konnte, will es ein paar Tage später direkt wieder tun. Ganz davon abgesehen reichen schon 45 Minuten pro Spieler aus, gezielt mit ihm an technischen und koordinativen Stärken und Schwächen zu arbeiten. Bevor wir also alle zu müde für Fußball werden, ist das ein schöner Weg in eine Co-Existenz mit einer Krise, die es weiterhin mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

Die schleichende Gefahr

Warum die Politik Konzepte für den Vereinssport entwickeln sollte

Das war es wohl mit der Saison 2020/21. In Hamburg hat der Verband angekündigt, dass die aktuell unterbrochene Spielzeit spätestens am 27./28. Februar fortgesetzt werden müsste, um sie zu Ende zu spielen. Man muss kein Epidemiologe sein, um einschätzen zu können, dass dieser Termin nicht einzuhalten ist. Vermutlich ist sogar vor April/Mai nicht mit Inzidenzwerten weit unter 50 zu rechnen. Ergo: Die Mannschaftssportler gucken noch viele Wochen aus dem Fenster. Und das ist nicht gut.

Ich persönlich halte es für fahrlässig, dass die Politik keine Konzepte für den Vereinssport erarbeitet. Seit mehr als zehn Monaten gibt es diese Situation und die einzigen beiden Optionen sind „findet statt“ oder „findet nicht statt“. Natürlich sind Bereiche wie Schule deutlich wichtiger, wenngleich hier nach ähnlichem Muster verfahren wird und immer noch keine Konzepte vorliegen oder umgesetzt werden. Doch auch Vereinssport ist relevant.

Einzeltraining anbieten lassen, statt Fußball einfach zu streichen

Es droht die Gefahr einer schleichenden Fußball- bzw. Sport-Müdigkeit. Die beobachte ich bereits im eigenen Umfeld. Um Punkte zu spielen, ist verdammt weit weg. Sowohl beim Blick zurück, als auch beim Blick nach vorn. Ok, das ist so. Dass Spiele nicht stattfinden können, ist außer Frage völlig richtig. Und klar ist auch, dass Mannschaftstraining nicht möglich ist. Verständlich und sinnvoll. Wir Mannschaftssportler müssen uns aber davon verabschieden, uns nur am Spielbetrieb und am Mannschaftstraining zu orientieren. Besonders auch im Nachwuchsbereich. In Zeiten, in denen die Norm nicht mehr der Standard sein kann, muss ich nach Alternativen suchen, nicht nur ja oder nein als Optionen anbieten. Lösungen finden, statt Probleme einfach hinzunehmen. Es gibt auch etwas zwischen „findet statt“ und „findet nicht statt“.

Dieses Dazwischen ist das Einzeltraining. Wenn wir noch weitere Monate nicht wieder „normal“ trainieren dürfen, sollte in Erwägung gezogen werden, die Plätze für strukturiertes Einzeltraining wieder zu öffnen. Ein Trainer und ein Spieler. Mehr nicht. Die Plätze können dafür geviertelt oder gesechstelt werden, um die Gesamtpersonenanzahl nicht zu groß werden zu lassen. Natürlich dauert es, bis jeder Spieler einer Mannschaft mal den Ball berühren durfte, aber alles ist besser als nichts. Für ein bis zwei Monate kann man vielleicht den Stecker ziehen und alles ausfallen lassen, aber eben nicht länger.

Vereine haben gezeigt, dass sie besondere Konzepte erstellen können

Kinder könnten die Playstation irgendwann vorziehen, Erwachsene die viele Zeit mit ihrem Partner. Vereine sehen sich noch stärkerem Mitgliederschwund ausgesetzt. Dazu kommt die körperliche Entwicklung Heranwachsender, die durch die Dauer-Pause beeinträchtigt wird. Ich wäre dafür, mutigere Wege zu gehen, ohne dabei verantwortungslos zu sein. Die Vereine haben bereits gezeigt, dass sie in einer besonderen Situation besondere Konzepte erstellen und umsetzen können. Für Einzeltraining brauche ich keine Kabinen oder Ähnliches. Ich brauche einfach nur ein bis zwei Bälle, ein paar Hütchen und einen Fußballplatz unter meinen Stollen. Der Abstand zwischen Trainer und Spieler ist garantiert. Zur Not trägt der Coach eine Maske. Wäre es nicht einen Versuch wert?

Die eigenen Erfahrungen zeigen, dass das Einzeltraining in dieser Situation eine echte Alternative ist. Ich habe das Glück, auf dem Platz mit einzelnen Spielern trainieren zu können. Es macht Spaß. Es fördert die Entwicklung. Es ist vielschichtig – von Technik über Koordination bis Ausdauer. Trainer können mit dem Spieler gezielt an Schwächen arbeiten und an Stärken feilen.

Laufschuhe an und den Amateurfußball-Geist am Leben halten

Bis es flächendeckend dazu kommt, möchte ich jeden Fußballer dazu animieren, etwas für sich und seinen Körper zu tun. Egal, wie frustrierend die aktuelle Situation ist und wie wenig Perspektive einem geboten wird: Der Weg in die Trägheit ist genau der falsche. Ja, es ist grau draußen und nass und kalt. Doch zieht die Laufschuhe an, dreht eine Runde am Wochenende. Vielleicht streut ihr ein paar Intervalle ein. Setzt euch Ziele wie durchschnittliche Pace pro Kilometer. Verabredet euch mit einem Kumpel zum gemeinsamen Laufen. Sprecht über Meisterschaften, Abstiegskampf und das Bier nach einem dreckigen Sieg. Damit lasst ihr den Geist des Mannschaftssports leben, auch wenn ihr ihn derzeit nicht ausüben könnt.

2020 – Der Trainer-Jahresrückblick: Teil 3

In den ersten beiden Teilen des Trainer-Jahresrückblicks haben viele tolle Kollegen ihre Eindrücke und Erfahrunges eines komplexen Jahres 2020 geteilt. Jetzt blicke ich zum Abschluss ebenfalls zurück auf ein Jahr, das so anders war als seine Vorgänger. Hier kommt Teil 3.

2020 war ein Jahr, das mich häufig nachdenklich gemacht hat und es auch an diesem letzten Tag immer noch tut. Es war ein Jahr, in dem ich eine innerliche Zerrissenheit gespürt habe, die ich so noch nie empfunden hatte. Es war der Spagat zwischen egoistischen Bestrebungen und solidarischen Verpflichtungen. Zwei Kräfte die gegensätzlich wirken, die es mich auch verstehen haben lassen, warum sich einige Menschen stets nur in eine dieser beiden Richtungen ziehen lassen. Dabei ging es in diesem Jahr umso mehr um ein Gleichgewicht. Und das eben vor allem auch im Amateurfußball.

Mehr Verständis füreinander aufbringen

Natürlich darf jeder Trainer, jeder Spieler und jeder Zuschauer seinen individuellen Emotionen Ausdruck verleihen. Jeder durfte sich über die lange Spielpause im Sommer ärgern, die Einschränkungen im Training, ungleiche Hygienekonzepte, das Testspiel-Chaos und über Kommunikationsprobleme des Verbandes.

Doch auf der anderen Seite durfte auch jeder Solidarität einfordern, seine Ängste äußern, die Gesundheit in den Vordergrund stellen und lieber Verständnis zeigen als Ärgernis zum Ausdruck zu bringen. Uns gelingt in der Gesellschaft leider nur zu selten, ein Gleichgewicht zu schaffen, sowohl in einem selbst, als auch als Gesamtheit.

Für viele gibt es nur schwarz oder weiß und wer auf der anderen Seite steht, wird nur zu gerne diffamiert. Dialoge und Zuhören finden nur selten statt. Auch der Amateurfußball hat sich in vielen Phasen dieses Jahres von dieser hässlichen Fratze gezeigt. Bei Facebook und Co. wurde der Ton im Laufe des Jahres immer rauer, immer beleidigender. Andere Ansichten, Bedürfnisse und Sorgen wurden über den Haufen gepöbelt.

Nicht alle waren bereit, sich anzupassen

Und da ist sie eben wieder, diese innerliche Zerrissenheit. Natürlich hätte ich mir als leidenschaftlicher Fußballtrainer gewünscht, dass wir auch in diesem Jahr mehr Fußball hätten erleben können. Sicherlich wäre im Sommer schon früh mehr möglich gewesen und vermutlich hätte man gerade auch im Juniorenbereich andere Lösungen für die zweite Zwangspause hätte treffen können.

Doch zu häufig war auch zu beobachten, dass bei weitem nicht alle in der Lage waren, sich in der kurzen Spielphase an die Regeln zu halten. Handschlag hier, Spielerkreis da, Kabinennutzung ohne Maske dort. Es wurde 11 gegen 11 im Training gespielt, als andere sich noch an die Regel mit zehn Spielern gehalten haben. Nur zu verständlich also, dass auch der Fußball früh wieder pausieren musste.

Dieser Sport ist schließlich auch nur ein kleiner Teil des gesellschaftlichen Lebens. Und es ist in Zeiten, in denen das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt und viele Menschen wirtschaftliche Herausforderungen meistern müssen, vermeintlich ein leichtes, diese Einschränkungen in Kauf zu nehmen, damit es andere einfacher haben und wir als Gesellschaft schnellstmöglich bessere Zeiten erleben können. Ich würde mir fürs neue Jahr wünschen, dass wir mehr Verständnis füreinander haben, dass wir der Wissenschaft vertrauen, dass uns unser Gegenüber nicht gleichgültig ist.

Learnings aus 2020: Einzeltraining fördern und das Mannschaftsgefühl am Leben halten

Doch dieses Jahr hatte auch viel Gutes. Von so vielen Trainern zu hören, wie kreativ sie in den vergangenen Monaten geworden sind, wie viel Freude das bereitet hat, das tat einfach mal gut. Ich persönlich habe für mich das Einzeltraining entdeckt. Sich ganz individuell mit nur einem oder zwei Spielern zu beschäftigen, finde ich sehr reizvoll. Das ist auch etwas, das ich intensiver im neuen Jahr verfolgen und in den Trainingsalltag einbauen möchte.

Ich muss aber auch gestehen, dass ich kaum Energie und Motivation verspürt habe, meine eigene Mannschaft in den Zwangspausen an die Hand zu nehmen und mit Zoom-Meetings und Lauf-Challenges zu beschäftigen. Jetzt zum Ende des Jahres ist mir aber bewusst geworden, dass etwas fehlt. Es ist die Interaktion als Mannschaft. Ich hatte immer den Eindruck, die Spieler lieber in Ruhe zu lassen, als ihnen etwas aufzudrängen. Für die Zeit im Januar und Februar habe ich jetzt aber Ansätze gefunden, um diese fehlende Interaktion innerhalb der Mannschaft wieder etwas anzuheizen.

Der Verband hat aus seinen Fehlern gelernt

Und zum Abschluss möchte ich auch noch einmal ein großes Lob aussprechen. Ich habe in diesem Jahr nicht mit Kritik gegeizt, wenn es um den Hamburger Fußball-Verband ging. Zu den jeweiligen Zeitpunkten war diese meiner Meinung nach auch angebracht. Die gegründete Initiative im Hamburger Amateurfußball zeigt, dass es vielen anderen auch so ging. Doch auch der HFV hat in diesem Jahr, wenn auch nicht offensiv so zugegeben, aus seinen Fehlern gelernt und den Dialog mit den Vereinen verbessert. Dass aktuell kaum laute Kritik zu hören ist, ist ein Indiz für eine transparentere Kommunikation. Chapeau, HFV!

Persönlich wehgetan hat, dass ich mein Buchprojekt nach drei Stationen in Ratzeburg, Berlin und Sulingen erst einmal wieder auf Eis legen musste. Aber die Tour durch Deutschland wird weitergehen. Da bin ich ganz sicher!

So, und das war es nun mit 2020. Ich freue mich aufs neue Jahr, auf hoffentlich viele Momente auf dem Sportplatz, auf Jubel, aufs Bierchen in der Kabine und vor allem freue ich mich auf mein Team. Wir haben viel vor, am Ball und auch mal wieder am Glas. Es wird Zeit, dass wir es wieder zeigen dürfen. Kommt alle gut rein!