Am 24. Mai ist es soweit. Ich werde ein letztes Mal als Trainer an der Seitenlinie stehen. Dann endet das 20-jährige Kapitel als Übungsleiter und mein Leben für den Fußball, das 1994 begonnen hatte. Es ist nicht der erste Abschied vom schönsten Sport der Welt – aber dieses Mal ist es anders.
Ich war schon einmal in dieser Situation. Mit 27 Jahren musste ich mich von mir als Fußballer verabschieden. 2015 war das. Ich tat es ebenfalls mit Worten, schrieb damals auf Facebook einen langen Text. Es half mir beim Verarbeiten – und es entstand erstmals die Idee von diesem Blog.
Ich hatte mir gerade zum zweiten Mal das Kreuzband gerissen. Auf Anraten meines Arztes, der sich Sorgen um meinen Knorpel machte, hörte ich als Spieler auf. Kein einfacher Schritt, aber eine einfache Entscheidung. Ich konnte das Bild von mir in der Zukunft nicht ertragen, wie ich nicht mehr in der Lage gewesen wäre, mit meinem künftigen Kind gegen einen Ball zu treten. Doch auch wenn mir der Entschluss nicht schwer fiel, tat er weh. 21 Jahre lang spielte ich Fußball, mehrmals die Woche, ohne Unterbrechung. Ein Großteil meiner Identität zum damaligen Zeitpunkt machte der Fußball aus, der aktive Fußball. Ich war zwar schon neun Jahre auch Trainer gewesen, aber der kleine Junge, der damals von seiner Mutter zum ersten Training auf Grand gebracht wurde und bei diesem fantastischen Sport hängenblieb, steckte immer noch in mir. Dann musste ich ihm Lebewohl sagen. Ein großer Schmerz.
Die Situation jetzt ist ähnlich – und doch ganz anders. Während ich mich vor elf Jahren von meinem Fußballer-Ich verabschieden MUSSTE, ist die Entscheidung, den vermutlich weitaus größeren Teil meiner Identität aufzugeben, eine gewollte. Ich will kein Trainer mehr sein. Ich kann es einfach nicht mehr. Der Akku ist leer, die Widerstandsfähigkeit weg. Jedes Problem greift meine Ruhe direkt an. Niederlagen tun lange weh, Siege stressen mich trotzdem. Die Distanz zur Generation aktiver Fußballer Anfang/Mitte 20 wird immer größer. Und so intensiv die Verbindung zu meinen Spielern auch ist – einige von ihnen begleite ich seit ihrem sechsten Lebensjahr – nur die Nähe zu den Menschen reicht nicht mehr aus, um die Habenseite zu füllen.
Bewegender Moment mit einem Spieler
Doch trotz aller Freiwilligkeit schmerzt es sehr, nicht mehr verantwortlich für eine Gruppe großartiger Menschen zu sein. Ich weiß, dass mir die Verbindung zu meinen Spielern fehlen wird, das Gefühl gebraucht zu werden und helfen zu können. Mir werden die Emotionen fehlen, die Regelmäßigkeit von Training und Wettkampf, das Gemeinsame.
Vor einer Woche, als es in unserem Spiel kurz vor Schluss 2:1 stand und wir eine hundertprozentige Chance auf die Entscheidung liegengelassen hatten, sagte ich zu den Jungs auf der Bank, dass wir jetzt den Sieg noch aus der Hand geben würden, und prompt fiel doch das 3:1. Ein Spieler schrie mich sofort freudestrahlend an: „Was Trainer, wir gewinnen doch.“ Und ich schrie zurück, umarmte ihn. Er 20 Jahre alt, ich 38. Er wie ein kleiner Bruder, ich wie ein großer für ihn. Im Leben wird es nichts geben, was diesen Momenten auch nur ansatzweise ähnlich sein kann.
Der Unterschied zum Abschied vom Leben als Fußballer
Doch den Schmerz, auch dieser Rolle, der als Trainer, Lebewohl zu sagen, kann ich auffangen. Ich habe diese Momente, wie gerade geschildert, so oft erlebt. Mit unterschiedlichen Menschen, in unterschiedlichen Situationen und Konstellationen. So kostbar und wertvoll auch dieser letzte Moment war, es ist nichts Neues mehr für mich.
Und da entsteht ein weiterer Unterschied zum Ende als aktiver Fußballer. Während damals klar war, wie es weitergeht, und zwar nur noch als Trainer, ist jetzt alles offen. Ich weiß es schlichtweg nicht. Ich kann ein neues Ich kennenlernen. Ich habe Raum, mich neu zu entdecken, zu schauen, wer da noch ist. Vielleicht komme ich irgendwann am Ende dieses neuen Weges an und stelle fest, dass ich diese Rolle als Trainer wieder brauche. Aber derzeit kann ich mir nicht vorstellen, jemals wieder an diesen Ort zu kommen. Und das gibt mir Frieden.
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Dennoch werde ich die kommenden Tage, die letzten zwei Spiele, die letzten drei Trainings, meinen Abschied von meinem Lebenswerk, in zwei Generationen, diese Art von Gruppe unter demselben Claim mit denselben Werten geschaffen zu haben, voller Wehmut sein. Ich werde in Erinnerungen schwelgen, ich werde Vergangenes vermissen, mich an Altem und Schönen festhalten. Ich werde Tränen vergießen, ich werde mich in Dankbarkeit üben und ich werde zahlreiche Menschen umarmen. Und dann erfolgt ein letzter Pfiff – dann rollt der Ball nicht mehr – und mein Leben im Trainingsanzug endet.



