Jeden Spieler besser machen

Wie sich Fußballcoach Nate Weiss vom US-college in den trainerstab des 1. fc NÜrnbergs arbeitete

Nate Weiss ist ein gefragter Mann. Der US-Amerikaner arbeitet im Trainerstab des Profiklubs 1. FC Nürnberg und ist dort für das Individualtraining verantwortlich. Seit nun mehr drei Wochen versorgt er seine Spieler mit Übungen für das Training in der Isolation und teilt einige davon auch bei Instagram. Techniktraining im Wohnzimmer. Individuelles Coaching in der Corona-Krise.

Übungen für Laminat und Garten

Ein paar Markierungsscheiben oder ein anderes Hindernis, einen Ball und ein paar Schuhe – mehr braucht es nicht für die Übungen, die Coach Nate seine Spieler und die wachsende Instagram-Community durchführen lässt. Es geht alles ganz schnell. Innenseite, Außenrist, Sohle, Zwischenschritt, linker Fuß, rechter Fuß und das immer und immer wieder. „Wichtig ist, dass die Spieler selbst in einen Fluss kommen und die Übungen kreativ interpretieren“, erklärt der Coach den Ansatz seiner Ideen. Den Profis vom 1. FC Nürnberg gibt das die Möglichkeit, auch daheim ihre Technik zu verbessern und die Corona-Pause sinnvoll zu nutzen. Regelmäßig stellt Nate Videos mit Übungen in die eigens dafür vorgesehene WhatsApp-Gruppe mit den Spielern.

Abläufe bis zur Perfektion

Im Spielerkreis und im Trainerstab des FCN genießt Nate Weiss aber nicht nur wegen seiner Kreativität in Krisenzeiten ein hohes Ansehen. Der Trainer mit großem Faible fürs individuelle Coaching ist auch im regulären Trainingsalltag des Zweitligisten wichtiger Bestandteil des Staffs. Er feilt an den Stärken und arbeitet an den Schwächen eines jeden Profis des Clubs. In Extraschichten trainiert er mit Spielern einzelner Positionsgruppen oder mit Rekonvaleszenten, die für ihr Comeback arbeiten. „Ich verfolge die Philosophie, die Performance einer Mannschaft dadurch zu steigern, dass jeder einzelne Spieler besser wird“, erklärt Nate. Das Ziel: Technische Abläufe soweit perfektionieren, dass sie zu jeder Zeit im Spiel unabhängig von Zeit- oder Gegnerdruck abgerufen werden können.

Vom Basketball inspiriert, in Europa verfeinert

Schon immer wollte Nate Trainer werden. Als ihm sein Studium in den USA nicht mehr zusagte, packte er seine Sachen und zog nach Europa. Hier spielte und trainierte er in Spanien, Irland, Israel, Serbien, Lettland, Schweden und Deutschland. Bei jedem Klub, bei dem er einen Vertrag als Spieler unterzeichnete, arbeitete er auch als Trainer im Nachwuchsbereich. Seine technischen Fähigkeiten verdankt er seinem Talent und seiner Jugend in Miami, wo er Tag ein Tag aus mit lateinamerikanischen Freunden kickte. Die Idee für das individuelle Training nahm er aus den USA mit. „Ich habe an der Uni das Training des Basketballteams beobachtet. Ein Basketballer übt einen Schuss von derselben Position immer und immer wieder, bis er von 100 Würfen 90 trifft. Das hat mich inspiriert“, erzählt Nate.

Diese Inspiration begleitete den heute 32-Jährigen auf seiner fußballerischen Reise durch Europa. „Ich wollte den Fußball kennenlernen, ihn studieren. Nirgendwo geht das besser als in Europa.“ An keinem Ort hielt es ihn lange. Die Neugier nach Neuem war zu groß, die Wissbegierigkeit zog ihn von Land zu Land. In Schweden schaute er sich ebenso viel ab wie in Serbien. „Dort war die Toilette des Vereins ein Loch in der Erde, aber im Nachwuchsbereich wurde trotzdem perfekt ausgebildet“, erinnert sich der Trainer. Technik und Ballarbeit standen im Fokus. Komponenten, die das heutige Training von Nate auszeichnen.

Eine Technik, verschiedene Abläufe

Beispiel Stürmertraining: Besprochen wird unter anderem der Treffpunkt des Balls mit dem Fuß. Der Spieler schließt aus naher und ferner Distanz auf ein Mini-Tor im unteren rechten Eck eines Großfeldtores stehend ab. Es kommen Drehungen hinzu. Dann mit einem Gegenspieler und schließlich mit Körperkontakt. Der Coach verändert die Gegebenheiten, die Technik muss dieselbe bleiben. „Ich gebe die Technik vor, der Spieler interpretiert den Ablauf“, erklärt Nate.

Zu Tränen gerührt

Sein Ansatz des Individualtrainings hat ihn von Spanien über Lettland bis in den Trainerstab des 1. FC Nürnbergs geführt. Deutsch spricht Nate fließend, auch Spanisch und Portugiesisch. Er ist nicht nur Trainer, sondern auch Vertrauensperson. „Ich tue alles dafür, die Spieler besser zu machen.“ Respekt zollen ihm die Spieler gerade deshalb. Die Individualität des Trainings lässt besondere Bindungen entstehen. Wie besonders zeigt ein Beispiel aus der letzten Saison. Der damalige Nürnberger Matheus Pereira trifft zum zwischenzeitlichen 1:0 gegen den FC Bayern München, aus einer Bewegung heraus, die er mit Nate Weiss zuvor hunderte Male geübt hatte. „Ich hatte tatsächlich Tränen in den Augen“, gibt Nate heute zu.

Es sind Momente, die ihn motivieren, ihn noch härter arbeiten lassen. Wenn er seine Motivation aktuell nicht auf dem Platz entfalten kann, bringt er sie halt in die Wohnzimmer seiner Spieler und in die vier Wände zahlreicher isolierter Kicker, die trotz Corona nicht aufhören wollen, sich zu verbessern. Der nächste Video-Upload läuft bereits.

Fußball ist gerade nicht wichtig, aber er fehlt

Eine Tour über die verwaisten Sportplätze der Hamburger Bezirksliga Nord

Es ist Dienstag. An jedem bisherigen März-Dienstag der vergangenen 14 Jahre habe ich mir Gedanken über das Training am Abend gemacht. Wie viele Spieler werden dort sein? Welchen Schwerpunkt wollen wir trainieren und welche Übungen sind dafür sinnvoll? An diesem Dienstag ist es anders. Der Ball ruht auf den Amateurfußballplätzen Hamburgs. Das Coronavirus hat auch den Sport fest umklammert. Der Trainerblock bleibt leer, die Spieler daheim.

Der Fußball scheint aktuell weit entfernt und doch ist da diese Sehnsucht, die sich in mir breitmacht, weil die Saison nach langer Winterpause gerade erst wieder Fahrt aufgenommen hatte. Ein Verlangen nach den Frotzeleien in der Kabine, den nervenaufreibenden Wettkämpfen auf dem Platz, nach der Intensität eines Spiels und dem kühlen Bier danach. Dieses Verlangen ist nicht zu stillen und doch versuche ich es. Ich setze mich in mein Auto und fahre los. Ich fahre zu jedem Platz der Bezirksliga Nord.

Station 1: Duvenstedter SV
Grand und Kunstrasen – der Sportplatz Duvenstedter SV (Foto: © Thorge Huter)

Der Parkplatz ist leer. Kein Mensch weit und breit. Auf dem ungekreideten Grandplatz des Puckaffer Wegs liegen herabgefallene Äste des letzten Sturms. Ein in die Jahre gekommenes Kleinfeldtor liegt auf seiner Rückseite im Dreck. Auf dem Kunstrasen ein paar Meter weiter stehen zwei weitere Kleinfeldtore mitten auf dem Platz. Normalerweise spielt hier der Duvenstedter SV um Punkte, Aufsteiger in die Bezirksliga Nord. Ich war erst zweimal hier. Am 26. April hätte unsere Rückrundenpartie gegen den DSV an Ort und Stelle stattfinden sollen. Duvenstedt steht aktuell auf einem Abstiegsplatz. Ich setze mich auf eine der am Spielfeldrand stehenden Bänke und blicke auf den leergefegten Kunstrasen. Natürlich ist der Fußball aktuell nichtig, aber in der Haut von Verantwortlichen der Teams, die eigentlich um den Klassenerhalt, die Meisterschaft oder den Aufstieg spielen, möchte ich derzeit nicht stecken. So viel Unsicherheit.

Station 2: Hoisbütteler SV
Freie Fahrt für Hunde am Kay-Weber-Platz des Hoisbütteler SV (Foto: © Thorge Huter)

Ein paar Kilometer weiter. Ein ähnliches Bild. Der noch etwas ländlicher gelegene Kay-Weber-Platz des Hoisbütteler SV. Es ist kein Mensch zu sehen. Ab und zu passiert ein Fußgänger mit seinem Hund den Weg hinterm Fangzaun. Ein kurzer Gruß. „Moin!“ Vor der Winterpause gewannen wir hier mit 1:0. Es war der siebte Sieg in Serie. Er war nicht verdient. Damals dachte keiner, dass es nach der Winterpause nicht weitergehen würde. Es war das letzte Spiel, bevor das Coronavirus in China ausbrach. Heute wackelt die Anzeigetafel im Wind und wirft im kargen Sonnenlicht einen leichten Schatten auf den Platz. Wenn Hoisbüttel hier seine Heimspiele am Freitagabend austrägt, ist die Stimmung gut. Flutlicht. Der Bierwagen hat geöffnet, es riecht nach Bratwurst. Wie weit weg dieser Geruch auf einmal scheint.

Station 3: TSV Sasel 2
Spielstätte des TSV Sasel am Saseler Parkweg (Foto: © Thorge Huter)

Als ich am Saseler Parkweg vorfahre, sehe ich sofort den abgesperrten Parkplatz. Es ist alles dicht. Vor etwas mehr als einer Woche brannte hier sprichwörtlich der Kunstrasen. Das Aufeinandertreffen mit dem TSV Sasel 2 – es war das letzte Spiel vor der Corona-Pause. Eine intensive Partie. Hin und her. Viele Zweikämpfe, viele Emotionen. Fünf Tore, leider zu unseren Ungunsten verteilt. Ich stehe vor dem abgesperrten Tor. „Anlage gesperrt“. Ich blicke hinüber zur Trainerbank der Gäste. Ich erinnere mich genau, wie ich hier vor wenigen Tagen noch unter Adrenalin stand. Das Spiel hatte mich gepackt. Mensch, wie gerne würde ich das Herz bald wieder so schnell schlagen spüren.

Station 4: SC Poppenbüttel
Die Bültenkoppel des SC Poppenbüttel (Foto: © Thorge Huter)

Nur wenige Kilometer entfernt spielt der SC Poppenbüttel. Hier ist ebenfalls alles abgeriegelt. Der Platzwart nimmt mich in Empfang. Ein kurzer Plausch mit ausreichend Abstand. Vor mir liegt ein schöner neuer Kunstrasen, erst zu Jahresbeginn eingeweiht. Der altehrwürdige Rasenplatz an der Bültenkoppel musste künstlichem Grün weichen. An diesem Wochenende wären wir hier zu Gast gewesen. Ich hatte mich auf das Duell schon seit Wochen gefreut. Die Aufeinandertreffen mit dem SC waren immer körperbetont, immer emotional. Doch jetzt flattert hier rot-weißes Absperrband. „Bis bald“, sage ich zum Platzwart und fahre weiter nach Hamburg-Wellingsbüttel.

Station 5: TSC Wellingsbüttel
Der Sportplatz des TSC Wellingsbüttel samt Vereinsgastronomie „Con Calma“ (Foto: © Thorge Huter)

Am Infokasten neben dem Umkleidetrakt macht rote Schrift auf weißem Papier auf die Aussetzung des Sportbetriebes aufgrund des Coronavirus aufmerksam. „Bis zum 30. April findet kein Trainings- und Spielbetrieb statt“, heißt es. Die Worte sind bekannt, sie begegnen mir überall. Unser Gastspiel beim TSC Wellingsbüttel ist für den 10. Mai angesetzt. Aktuell ist es noch nicht abgesagt. Es wäre das erste Auswärtsspiel nach Beendigung der Platzsperre. Dass es stattfindet, halte ich für unwahrscheinlich. Ein paar Meter weiter liegt der Kunstrasenplatz, eingepfercht von einer hohen Lärmschutzwand, die den Anwohnern die sonntägliche Lärmbelästigung erträglicher machen soll. Im Hintergrund ist die italienische Flagge gehisst. Symbolischer könnte es kaum sein. Die italienischen Nationalfarben gehören zur Vereinsgastronomie. „Trattoria Con Calma“ heißt das Lokal. „In aller Ruhe“ aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt. Eine Botschaft, die vielen in Zeiten von Hamsterkäufen und Uneinsichtigkeit helfen würde. Nächster Halt: SC Sperber.

Station 6: SC Sperber
Die alte Tribüne des SC Sperber-Sportplatzes am Heubergredder (Foto: © Thorge Huter)

Als ich auf den Parkplatz am Heubergredder einbiege, spüre ich in mir dieselbe Hassliebe, die ich immer spüre, wenn ich beim SC Sperber bin. Auf dem alten Rasenplatz neben der U-Bahnstation Alsterdorf haben wir noch nie gewonnen. Jede Niederlage hat hier richtig wehgetan. Es ist egal, wo in der Tabelle wir oder Sperber stehen, hier gibt es nie etwas zu holen. Und auf der anderen Seite hat dieses alte Schmuckkästchen so viel Charme. Es ist echt. Die in die Jahre gekommene Holztribüne, die sich auf der einen Seite des Platzes erstreckt, die alten, miefigen Kabinenhäuschen, in denen wider Erwarten selbst das Bier nach einer Niederlage schmeckt und sogar der nervige Hügel vor dem hinteren Tor, der das Stellungsspiel eines jeden Gästetorwarts erschwert – all das macht diesen Platz zu einem Unikat, einer letzten Bastion vergangener Amateurfußballjahre in Hamburg.

Direkt am Zaun, der den alten Schotterparkplatz mit diversen Bodenlöchern und den Rasenplatz trennt, hängt ein Schild. „Der Platz ist gesperrt“, steht da. „Das ist er eigentlich immer“ denke ich. Nirgendwo fallen so regelmäßig die Spiele aus wie hier. Es ist fast zynisch, dass vermutlich genau jetzt, an diesem Wochenende ein Spiel hätte stattfinden können. Das Wetter ist die ganze Woche über gut. Der Platz müsste sich erholt haben. Es wäre der Abstiegsknaller gegen Teutonia 10 gewesen. Do or die. Jetzt heißt es weder noch.

Station 7: USC Paloma 2
Der Jonny Rehbein Sportplatz des USC Paloma (Foto: © Thorge Huter)

Es geht von Alsterdorf weiter Richtung Stadt. An der Brucknerstraße in Barmbek-Süd liegt die Heimat des USC Paloma 2. Der Jonny Rehbein Platz ist abgeriegelt. Ein offizieller Ausdruck der Stadt Hamburg hängt laminiert am Zaun. Wieder werde ich vom Platzwart begrüßt. Er erzählt davon, dass er endlich die Möglichkeit hat, den Platz mal wieder richtig zu pflegen, neuen Sand zu verteilen und aufzuräumen. Ich erinnere mich an ihn. Vor vielen Jahren, als ich selbst noch gegen den Ball trat, gab er mir die Gelb-Rote Karte. Es war mein einziger Platzverweis als Spieler. Wir waren an der Brucknerstraße zu Gast, als hier noch ein Grandplatz war. Der Platzwart sprang als Schiedsrichter ein, weil der angesetzte Spielleiter nicht erschienen war. Aus Wut über den Platzverweis kickte ich ein Hütchen der Coachingzone weg und verfehlte nur knapp meine damalige Freundin. Es war keine leichte Woche für mich nach dieser Aktion.

Station 8: SV UH Adler
Der Sportplatz des SV UH Adler an der Beethovenstraße (Foto: © Thorge Huter)

Genau einen Kilometer entfernt vom USC Paloma spielt der SV Uhlenhorst Adler. Es ist die kürzeste Distanz zwischen zwei Vereinen der Bezirksliga Nord. An die Beethovenstraße komme ich immer gerne. Hier haben wir schon viele Spiele gewonnen, erst einmal verloren. Ich mag den urigen Platzwart, der mit seinem Dreirad das Gelände beherrscht und ich mag die neue Gastronomie, von dessen Terrasse aus, das bunte Treiben auf dem Platz an schönen Tagen mit einem Bierchen in der Hand zu beobachten ist. An diesem Tag zeugt nur das Dreirad des Platzwarts, das vor den Kabinen steht, von diesem Sportplatzalltag. Alles andere ist ruhig. Einzig die Baumaschinen, die den alten Kabinentrakt abreißen, laufen noch.

Station 9: SC Teutonia 10
Kult und Tradition – der Karl Möller Sportplatz des SC Teutonia 10 (Foto: © Thorge Huter)

Es geht weiter nach Altona. In der Max-Brauer-Allee spielt der SC Teutonia 10. Er ist aufgrund der örtlichen Lage kein klassischer Nord-Bezirksligist, aber in diesem Jahr als Aufsteiger in unserer Liga dabei. Im Herbst haben wir hier dreckig 2:1 gewonnen. Auf dem festen Naturrasen wurde gegrätscht und gekämpft. Es roch nach Dreck und nach Gras. Heute sind die Tore des Karl Möller Platzes geschlossen. Elstern suchen auf dem Rasen nach Nahrung. Das Ambiente hat etwas Besonderes. Ich mag die Sportplätze, die inmitten urbaner Umgebung die Stellung halten. Von den Balkonen aus können die Anwohner an Wochenenden das Treiben beobachten. Jetzt gibt es hier nichts zu sehen.  

Station 10: FC Alsterbrüder
Der Walter-Wächter-Platz des FC Alsterbrüder (Foto: © Thorge Huter)

Ähnlich dicht von Wohnhäusern umkreist ist der Walter-Wächter-Platz des FC Alsterbrüder. Lange Zeit war die Anlage in den aufgewirbelten Staub des alten Grandplatzes gehüllt, jetzt schmückt ein neuer Kunstrasen samt Tartanbahn das Areal. Auch die nach Keller und Moder riechenden Kabinen sind bereits abgerissen und werden aktuell durch Baucontainer ersetzt. Ein Zugang zum Platz ist auch hier nicht möglich. An einem großen Tor hängt ein Schild mit entsprechendem Hinweis. Ich stehe vor dem Eingang und denke an die vielen rassigen Duelle mit den Alsterbrüdern, an deren Trainer Gunnar, den ich sehr schätze, und an die Möglichkeiten im Aufstiegskampf, die sich der FCA dank einer unglaublichen Serie erspielt hat. Geht diese Serie noch weiter? Oder wird sie unliebsam für beendet erklärt? Wer weiß das aktuell schon.

Station 11: SC Victoria 2
Das Stadion Hoheluft. Hier spielt der SC Victoria. (Foto: © Thorge Huter)

Noch spannender ist die Situation am Stadion Hoheluft. Hier spielt der SC Victoria 2, aktuell Tabellenführer der Bezirksliga Nord – und das mit sechs Punkten Vorsprung. Kaum jemand hat Zweifel, dass „Vicky“ sich dieses Jahr die Meisterschaft geholt hätte. Und jetzt? Wird es überhaupt einen Meister geben? Hier, wo im Mai das Finale um den Hamburger LOTTO-Pokal stattfinden soll, wo schon so viele Vereine den Einzug in den DFB-Pokal gefeiert haben, sieht aktuell nichts danach aus. Auf dem großen, modernen Kunstrasen hat Victoria 2 in dieser Saison fast alle Mannschaften hergespielt. Auch wir hatten beim 0:3 im Herbst keine Chance. Ich stehe am Mittelkreis, blicke Richtung der ehrwürdigen, gelb und blau gefärbten Tribüne und würde es Trainerteam und Mannschaft so sehr gönnen, dass sie hier in diesem Jahr noch ihre verdiente Meisterschaft feiern dürfen.

Station 12: Grün-Weiß Eimsbüttel
Grün-Weiß Eimsbüttels Platz am Tiefenstaaken (Foto: © Thorge Huter)

Nach ein paar Abbiegungen erreiche ich den Tiefenstaaken, Heimspielstätte von Grün-Weiß Eimsbüttel. Statt von der Meisterschaft zu träumen, kämpft die Mannschaft, aktuell Vorletzter, um den Klassenerhalt. Es gibt fast keinen Platz in der Nord-Staffel, an dem man besser gegen den Abstieg kämpfen kann. Wenn GWE hier am Freitagabend seine Heimspiele austrägt, sorgt die Umgebung für die passende Atmosphäre. Die Flutlichtmasten stehen auf der einen Seite des Spielfeldes viel zu weit weg vom Platz. Es ist dunkler als anderswo. Auf der anderen Seite ragen die Hochhäuser der Lenzsiedlung empor. Der Platz ist klein. Niemand kommt hier gerne her, weil er weiß, dass Grün-Weiß daheim etwas Besonderes ist. Gästeteams drängen sich mit 18 Spielern samt Staff in der Sauna ähnlichen Kabine, in der Menschen mit mehr als 1,80 Metern Körpergröße nicht mehr stehen können. Es wäre ein Verlust für die Liga, wenn dieser Verein absteigen würde.

Station 13: HFC Falke
Die Zeit steht still am Steinwiesenweg, Heimspielstätte des HFC Falke. (Foto: © Thorge Huter)

Aus dem tiefsten Eimsbüttel geht es weiter nach Eidelstedt, direkt an die A7, an den Rand des Niendorfer Geheges. Hier spielt der HFC Falke seine Heimspiele am Steinwiesenweg. Direkt neben dem Gymnasium Dörpsweg liegt die alte Sportanlage mit Rasenplatz und großer Laufbahn. Vor einigen Jahren absolvierten hier die Profis des HSV noch ihre Laktattests zum Vorbereitungsstart, jetzt spielt hier der Verein, der nach der Ausgliederung der HSV-Profiabteilung von enttäuschten Fans gegründet wurde.

An Heimspieltagen herrscht eine fröhliche, gemeinschaftliche Atmosphäre. Es wird gegrillt, Bier getrunken, Merchandise verkauft. Der Verein lebt von dieser Besonderheit, die weiterhin rund um ihn herrscht. Als ich die Stufen von den Kabinen zum Platz hinabgehe, erinnert nichts an ein solches Szenario. Im Hintergrund rauschen die Autos auf der A7 entlang, davor buddeln Bagger auf der Autobahnbaustelle und auf dem Spielfeld versorgen sich Vögel mit dem Nötigsten. Die Trainerbänke sind abgebaut und stehen am Rand. Die alte Lautsprecheranlage wackelt im Wind. Die Uhr steht still. Es könnte nicht besser zum aktuellen Bild passen.

Station 14: SC Alstertal-Langenhorn
An der Siemershöh spielt normal der SC Alstertal-Langenhorn. (Foto: © Thorge Huter)

Der Himmel wird grauer, als ich meine nächste Station erreiche. Am Sportplatz Siemershöh weht eine Hamburg-Fahne. Die Tore sind verschlossen. Das kleine Kartenhäuschen am Eingang erinnert an den Spieltagsbetrieb. 3 Euro kostet regulär die Karte, die hier sonntags verkauft wird, wenn der SC Alstertal-Langenhorn seine Heimspiele bestreitet. Im vergangenen Sommer spielten wir 0:0. Ein elendiger Kick. Und doch waren einige Zuschauer da, schauten von der alten Steintraverse aus zu, tranken ihr Bier, trafen ihre Freunde. Selbst ein 0:0 kann Spaß machen, wenn man denn spielen kann.

Station 15: Glashütter SV
Geschlossene Pforte statt leckerer Bratwurst: der Sportplatz des Glashütter SV. (Foto: © Thorge Huter)

An deutlich mehr Tore erinnere ich mich, als ich auf den Parkplatz der Sportanlage des Glashütter SV fahre. Hier, wo sonst kaum ein freier Parkplatz zu finden ist, steht kein einziges Auto. Auch hier ist die Tür versperrt. Ein Zettel mit GSV-Logo und kurzem Hinweis hängt an der Pforte. 5:3 gewannen wir hier bei nasskaltem Wetter Ende September. Ein Spektakel. Wehmut kommt auf, als ich an die Verpflegung bei Glashütter Heimspielen denke. Hier gibt es die vermutlich beste Bratwurst der Bezirksliga Nord, frisch gegrillt von einem Glashütter Original, das immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, egal, wie es bei seiner Mannschaft gerade auf dem Platz läuft. Wann gibt es die nächste Bratwurst? Ich weiß es nicht.

Station 16: Niendorfer TSV 3
„Mein“ Wohnzimmer – der Sportplatz Bondenwald des Niendorfer TSV (Foto: © Thorge Huter)

Aus Norderstedt, wozu Glashütte gehört, geht es zurück. Die letzte Station steht auf dem Plan. Nächster Halt Bondenwald, Heimspielort meiner Mannschaft, dem Niendorfer TSV 3. Obwohl ich jede Woche hier bin und auch schon seit der Sperrung am Platz vorbei und durchs Niendorfer Gehege gelaufen bin, kribbelt es, als ich endlich ankomme. Ich stelle mich neben die Trainerbank, schaue aufs Spielfeld. Hier stehe ich jeden zweiten Samstag und lebe meine Leidenschaft. Vor ein paar Tagen hätten wir hier Paloma 2 empfangen sollen. Es war das erste Spiel, das dem Virus zum Opfer fiel. Mein Trainerkumpel Marius, der den USC betreut, und ich hatten bereits vor der Generalabsage beschlossen, nicht antreten zu wollen. Es wirkt, als sei das alles schon eine Ewigkeit her. Wie viel in dieser kurzen Zeit passiert ist.

Ich denke an meine Spieltagsroutine, wenn ich vor jedem anderen zum Platz komme, die Kabine aufschließe und meine Kopfhörer aufsetze. Wenn ich die Eckfahnen aufbaue, die Netze checke, die Bälle aufpumpe und die Hütchen fürs Aufwärmen platziere. Wenn ich die Magneten auf die Taktiktafel lege, den Spielbericht ausfülle, die Standards plane und wenn ich meine Jungs begrüße, jedem einzelnen dabei tief in die Augen schaue und seine Lust sehe. Seine Lust zu spielen. Es mag nicht lange her sein, dass ich das alles erleben konnte, aber es liegt so weit in der Ferne, es wieder erleben zu können. Fußball ist gerade nicht wichtig, aber er fehlt.

2. Etappe: Von Hamburg nach Berlin – Der Menschenfänger an der Seitenlinie

Ich treffe Trainer Benedetto Muzzicato vom FC Viktoria 1889 Berlin

Die Scheiben meines Autos sind mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Ich muss tatsächlich kratzen, bevor ich losfahre. In diesem Winter eine Seltenheit. Es ist noch nicht einmal 8 Uhr in der Früh, absolut nicht meine Zeit. Müde steige ich in meinen Wagen und gebe im Navi die Zieladresse ein: Malteserstraße, Berlin. 3:30 Stunden Fahrtzeit. Es geht in die Hauptstadt zu Benedetto Muzzicato, Übungsleiter des Regionalligisten Viktoria Berlin. Etappe 2, Gesamtkilometer 146.

Hoffnung und Melancholie

Wie schon bei der ersten Tour nach Ratzeburg führt mich mein Weg durch den Hamburger Berufsverkehr Richtung Horner Kreisel. Die Musik bleibt dieses Mal noch aus. Ich kämpfe mit der frühen Stunde. Doch als ich in Winterhude an der Dorotheenstraße vorbeifahre, ist mein Geist plötzlich hellwach. Hier erfüllte sich meine Mutter einst ihren Traum, bezog mit Ende 40 als frisch studierte Mediatorin ihr erstes eigenes Büro. Aus unterschiedlichen Gründen zerplatzte dieser Traum viel zu schnell. Mir wird bewusst, dass ich wie meine Mutter nach Erfüllung strebe, dass ihre Wünsche auch in mir stecken. Ich weiß, dass ich viel investieren muss, um meine Träume zu verwirklichen, auch für meine Mutter. Mich rühren die Erinnerungen an die Büroeinweihung und die damalige Zeit. Vieles vergeht. Etwas Bleibendes zu schaffen, ist niemals leicht.

Ich überquere die alte innerdeutsche Grenze in Gudow. Mittlerweile läuft auch wieder Musik. „Zwischen Hoffnung und Melancholie“ von Disarstar. Die Sonne versucht sich durch die Wolken zu kämpfen. Doch nicht nur wegen des Songtitels bin ich nachdenklich. Wieder erinnere ich mich an etwas, wieder inspiriert es mich. Disarstar bringt gerade sein neues Album heraus, einst saß ich neben ihm am Schreibtisch seines Kinderzimmers als Nachhilfelehrer. Er gehört zu denjenigen, die ihren Weg gegangen sind, war er noch so weit, noch so steinig. Er hat sich seinen Traum erfüllt und macht Musik, hat sein Talent genutzt. Ich bewundere Menschen, die gegen alle Widerstände ankämpfend ihren Platz in dieser verrückten Welt gefunden haben.

Schneeregen und Begegnungen am Zaun

Nach einem kurzen Ausflug über die Brandenburger Dörfer führt mich mein Weg hinein nach Berlin. Direkt an einer vierspurigen Hauptstraße liegt der heutige Trainingsplatz von Viktoria. Wohnhäuser auf der einen, Parkanlage auf der anderen Seite und dazwischen ein eingezäunter Rasenacker. Schräg gegenüber auf dem Gelände des BFC Preussen nahm ich vor Jahren als Trainer mit meiner Nachwuchsmannschaft an einem Turnier teil. Doch bevor ich in weiteren Erinnerungen versinke, steige ich aus und gehe die wenigen Meter zum Trainingsplatz. Schneeregen fällt vom Himmel. Es ist nasskalt und nur ein Schirm bewahrt mich vor Schlimmerem.

Es ist eine merkwürdige Szenerie, denke ich, als ich am Zaun entlang spaziere. Hier trainiert ein ambitionierter Regionalligist um 11 Uhr vormittags auf einem fremden Platz. Auf dem Feld stehen nur Spieler, die mit Fußball auch ihren Lebensunterhalt verdienen. Nach Definition sind es Profis. Professionelle Bedinungen sind aber keine gegeben. Die Schwierigkeiten der Regionalliga-Klubs werden deutlich. Der Sprung in die 3. Liga, also ins offizielle Profitum, scheint ein großer. „Scouts müssen sich anmelden.“ Eine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.

Es ist ein Spieler, der mich durch den Zaun hindurch anspricht. Ich bin total perplex und stammele vor mich her, dass ich kein Scout bin, sondern mit dem Trainer verabredet sei. Der Spieler wiederholt sich: „Im Ernst, Scouts müssen sich anmelden.“ Dann fängt er an zu grinsen und ich realisiere, dass er sich einen Scherz erlaubt hat. Während ich verlegen lächle, versinke ich vor Scham unter meinem Schirm. „Manchmal bin ich echt leicht zu verarschen“, denke ich und beobachte weiter das Treiben.

Zwischen zwei Übungen stapft ein mittelgroßer, gutgebauter Mann mit Mütze Richtung Zaun. Den klaren Anweisungen während der Spielform zuvor zufolge ist das mein heutiger Gesprächspartner Benedetto Muzzicato. „Jan-Hendrik?“, fragt er kurz. „Moin, Muzzi“, antworte ich. Wir stecken jeweils unsere rechte Hand durch den Bauzaun und begrüßen uns. Dass ich ihn, ohne vorher ein Wort persönlich mit ihm gewechselt zu haben, direkt mit seinem Spitznamen begrüße, hat einen Grund. Ein Freund von mir, dessen Sohn ich seit über zehn Jahren trainiere, ist Benedettos Berater und war schon als solcher tätig, als Muzzi noch selbst als Spieler aktiv war. Von „Muzzi“ hatte ich also schon vieles gehört.

Bevor ich diese und weitere Geschichten mit ihm vertiefe, jagt Benedetto seine Spieler noch ein paar Minuten über den seifigen Rasen. Drei gegen zwei nach Trainerzuspiel auf ein Großtor und zwei Kontertore. Die Stimmung ist gut, das Tempo hoch, der Torabschluss nicht immer genau, aber es wird viel gelacht und bei Toren auch gejubelt. Nicht nur einmal rutscht ein Spieler auf seinen Knien zu mir Richtung Zaun, bis das Training zu Ende ist und alle klitschnass Richtung Kabine trotten. „Wir treffen uns gleich in der Geschäftsstelle“, gibt Muzzi mir noch mit, ehe er sich durchgefroren auf den Weg unter die Dusche macht. Während ich am Zaun entlang zurück zu meinem Auto gehe, sammeln zwei Spieler noch die Spielfeldmarkierungen ein und kämpfen dabei mit ihren halberfrorenen Fingern. Ein Hauch von Kreisklasse in der semiprofessionellen Regionalliga. Erfrischend.

Alte Dame und junger Mann

In der Geschäftsstelle empfängt mich ein Berliner Original. Sein Name ist Marc. In bestem Berliner Dialekt quatscht er mit mir sofort über Fußball. Als ich ihm erzähle, dass ich gerade an einem Buch über Trainer arbeite, geht er mit mir seine persönliche Empfehlungsliste für Fußballbücher durch. Ein authentischer Typ, der Fußball liebt. Sympathisch. Das Gebäude der Geschäftsstelle ist hochmodern und spiegelt den Anspruch des Klubs deutlich besser wider als der seifige Trainingsplatz des Nachbarvereins. Vom Empfangstresen aus blicke ich auf das Gelände des FC Viktoria 1889 Berlin. Vor mir liegen zwei Kunstrasenplätze, eine große Rasenfläche, die „nur von den ganz Kleinen genutzt wird“, wie mir Benedetto später erklärt, und weiter hinten erkennt man vor allem aufgrund der riesigen Flutlichtmasten das Stadion Lichterfelde, in dem Viktoria seine Heimspiele austrägt, aber eben gerade im Winter nicht oft trainieren kann.

Als sich mein Blick wieder auf die Einrichtung der Geschäftsstelle konzentriert, fällt mir sofort etwas auf. Auf einem großen Plakat gegenüber vom Empfangsthresen steht geschrieben: „Berlins wahre alte Dame heißt Viktoria. Seit 1889.“ Der Slogan ist nicht nur eine kleine Spitze gegen Bundesligist Hertha BSC, der in der Fußballwelt als „Alte Dame“ bezeichnet wird, sondern formuliert auch das eigene Selbstverständnis als Traditionsverein und zweifacher Deutscher Meister Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als Benedetto frischgeduscht und in Freizeitklamotten die Geschäftsstelle betritt, gibt es erst einmal eine herzliche Begrüßung mit Marc. Schon auf dem Trainingsplatz war mir schnell klar geworden, dass Muzzi auf seine Mitmenschen eine extrem ansteckende, positive Wirkung hat. Als ich ihn ohne Mütze sehe, fällt es mir schwer zu glauben, dass er schon 41 Jahre alt ist. Glatte, leicht gebräunte Haut, durchtrainierter Körper, hippe Brille, sportlich moderne Kleidung – Muzzi sieht nicht nur im Gesicht so jung aus wie seine Spieler, sondern kleidet sich auch so. Es ist aber vor allem seine Ausstrahlung, die seine Mitmenschen in seinen Bann zieht. Mein Kumpel und Benedettos Berater sagte schon einmal zu mir, dass „der Muzzi ein Menschenfänger sei“. Es wird schnell deutlich, was er damit meinte.

Oberneuland und Werder Bremen

Wir nehmen im Konferenzraum Platz. Anders als gedacht haben wir doch mehr Zeit für unser Gespräch. Die zweite an diesem Tag angesetzte Trainingseinheit hat Benedetto wetterbedingt vom Trainingsplatz ins Fitnessstudio verlegt. Dort übernimmt am Nachmittag sein Athletiktrainer. Nur wenige Minuten, nachdem ich mein Diktiergerät zwischen uns auf dem Tisch platziert habe, klopft es an der Tür. Kameramann, PR-Mitarbeiterin und Spieler müssen noch ein kurzes Video für Social Media drehen.

Benedetto berichtet von seinem Werdegang. Im Eiltempo von nur sechs Jahren hat er sämtliche Erfahrungen gesammelt und seine B-, Jugend-Elite- und A-Lizenz gemacht. Angefangen hat alles mit einem Anruf seines Bruders Ende 2013. „Er hat mich gefragt, ob ich mit ihm die U17 des FC Oberneuland in der Rückrunde coachen möchte“, erinnert sich Muzzi. Er selbst ließ damals seine bewegte Laufbahn auf den Amateurplätzen Bremens und Niedersachsens ausklingen und hatte noch nicht viel darüber nachgedacht, selbst einmal Trainer zu sein.

Trotz aussichtsloser Lage im Abstiegskampf der B-Regionalliga nahm Muzzi den Job nach kurzer Stippvisite an. Den Abstieg konnte er als Trainer zwar nicht verhindern, aber er impfte seiner Mannschaft, die zuvor fast jedes Spiel verloren und vier Übungsleiter in der Hinrunde verschlissen hatte, eine neue Mentalität ein. Es folgten deutlich mehr Punkte als in der ersten Saisonhälfte. Das bessere Auftreten seiner Mannschaft sprach sich rasch herum. Plötzlich klopfte das Nachwuchsleistungszentrum des SV Werder Bremen an. Ausgerechnet Werder.

Als Muzzi anfängt, über sein Werder Bremen zu sprechen, verändert sich etwas bei ihm. Er wird emotionaler. Ich spüre, dass dieser Verein ihm unglaublich viel bedeutet und als er weiter erzählt, wird mir schnell klar, wieso. Bei Werder Bremen durchlief Benedetto sämtliche Juniorenmannschaften. Eine Profikarriere wurde ihm prophezeit, doch er packte es im ersten und auch einige Jahre später im zweiten Anlauf nicht, sich durchzusetzen. Ganz im Gegenteil: Er eckte mit vielen an, sorgte immer wieder abseits des Platzes für Schlagzeilen. Der Rote Faden seiner aktiven Laufbahn.

Damals konnte sich keiner einen Trainer Muzzicato vorstellen und nun saß er plötzlich mit der Leitung des Nachwuchsleistungszentrums zusammen und diskutierte mögliche Trainerposten. Als Co-Trainer der U15 unter dem heutigen Proficoach Florian Kohfeldt sollte er arbeiten. Dafür musste er nur noch Kohfeldt selbst von sich überzeugen. Es gelang. Und als Kohfeldt ab Herbst nicht nur jede Woche für ein paar Tage zum DFB-Fußballlehrerlehrgang nach Hennef musste, sondern auch als Assistent von Viktor Skripnik zu den Profis aufstieg, stand Benedetto plötzlich gemeinsam mit einem weiteren Co-Trainer in der Verantwortung der U15 Werder Bremens.

Trotz erfolgreicher Saison mit der Vizemeisterschaft hinter dem FC St. Pauli und weit vor dem HSV zog es Muzzi wieder weg von Werder. „Ich habe gemerkt, dass es mich nicht so sehr reizt, mit Jugendlichen zu arbeiten“, sagt er heute. Der FC Oberneuland war auf der Suche nach einem Trainer für die 1. Herrenmannschaft. Muzzi sagte zu, stieg mit dem FC in die Bremenliga auf, schloss sich dann direkt dem TB Uphusen aus der Oberliga Niedersachsen an, rettete den Klub vor dem Abstieg und machte nach der Sommervorbereitung der Folgesaison bereits den nächsten Schritt. Regionalliga, BSV Schwarz-Weiß Rehden. Nur dreieinhalb Jahre hatte er dafür gebraucht. In Rehden übernahm er einen Schleudersitz. Zahlreiche Trainer hatten sich hier versucht. Benedetto Muzzicato schlug ein. Mit fünf Punkten nach neun Spieltagen übernahm er das Zepter und holte in den folgenden 25 Partien noch 34 Zähler. Klassenerhalt. In der zweiten Saison führte Muzzi den Verein ins obere Mittelfeld der Liga und entschied sich im Sommer 2019 für das Abenteuer FC Viktoria 1889 Berlin.

Zukunft und Vergangenheit

„Bei Viktoria sind die Möglichkeiten größer. Die Spieler sind Profis, wir können vor- und nachmittags trainieren. Die Ambitionen des Klubs decken sich mit meinen. Das passt“, sagt Benedetto. Im März will er den Sprung in den DFB-Fußballlehrerlehrgang schaffen. Es ist der zweite Anlauf. Nur 24 Plätze vergibt der DFB pro Jahr. Wenn er in den ersten drei Bundesligen arbeiten will, muss er Fußballlehrer sein. Für mich ist klar, dass sein Weg hier in Berlin nicht endet, dass er bald die höchste Lizenz erlangen wird.

Wenn Muzzi über Fußball spricht, brennt er innerlich und äußerlich. Er versteht das Spiel, er hat es selbst gespielt. Doch bevor wir über die Lehren seiner gescheiterten Spielerlaufbahn für seine Tätigkeit als Trainer sprechen können, klopft es wieder an der Tür. Dieses Mal ist es der Videoanalyst. Die Zeit ist gerast. Nach und nach treffen die Spieler ein und nehmen für die angesetzte Videoanalyse Platz. Der Spieler, der mich am Vormittag geflachst hat, grinst mich an. Ich grinse zurück. Es ist Marcus Hoffmann, der Kapitän.

Während Muzzi seiner Mannschaft verschiedene Spielsituationen aus vergangenen Partien zeigt und immer wieder darauf hinweist, dass seine Spieler bestimmte Situationen besser erkennen und mehr agieren sollen, denke ich über den Trainer Benedetto Muzzicato nach, wie er in nur wenigen Jahren seinen Weg von der Landesliga in Bremen bis in die Regionalliga gegangen ist, wie er im Gegensatz zu den meisten anderen nicht die Route über die Nachwuchsleistungszentren der Bundesligaklubs gewählt hat und doch auf der Schwelle zum Profitrainer steht. Sein Weg ist eine Inspiration.

Am Konferenztisch sitzt unter anderem auch Cimo Röker, 94er Jahrgang, ehemaliger Nachwuchsspieler bei Werder Bremen. Gegen ihn und seine Mannschaft hatte ich einst mein erstes Spiel als richtiger Cheftrainer, als wir in der C-Regionalliga mit dem Niendorfer TSV an der Weser zu Gast waren. „Hätte ich mehr in meine Trainerlaufbahn investieren, einen Versuch wagen sollen?“, frage ich mich und stoße schnell auf die Antwort. Ich säße nicht hier und würde daran arbeiten, die einzigartigen Geschichten von anderen Fußballtrainern zu erzählen. Das ist das, was ich machen will. Das wird das sein, was bleiben wird.

Reue und Dankbarkeit

Die Spieler verlassen den Raum und machen sich auf den Weg ins Fitnessstudio. Muzzi und ich bleiben sitzen und setzen genau da an, wo wir aufgehört haben. Er plaudert von seiner Zeit als Spieler, davon dass Werders Trainerlegende Thomas Schaaf noch heute erzählt, dass er es hätte packen müssen, dass er das Talent hatte. Muzzi berichtet von seinen unzähligen Stationen, von seinem zweiten Versuch bei Werder, von seinem Rauswurf bei Union Berlin, wo mit Frank Wormuth nicht nur der langjährige Chefausbilder des DFB sein Trainer war, sondern dieser ihn nachhaltig geprägt hat. „Seine Art Fußballtaktik zu erklären, ist für mich bis heute einmalig“, sagt Muzzi.

Und während er so von seinen weiteren Stationen in Regional- und Oberliga berichtet, von seiner sich immer wiederholenden Rückkehr zum FC Oberneuland, zeigt er Reue. Ich spüre, dass er es als Spieler gerne gepackt, er es gerne allen und vor allem sich selbst bewiesen hätte. „Ich war ein Egoist, bin immer wieder angeeckt, hatte Probleme mit Trainern. Wenn ich heute alte Weggefährten treffe, fragen mich alle, wie ich denn bitte Trainer werden konnte“, erzählt Benedetto. „Du wärest nicht der Trainer, der du jetzt bist, wenn du nicht diese Erfahrungen gesammelt hättest“, sage ich ihm. „Ich weiß“, antwortet er und die Reue weicht der Dankbarkeit. Dankbarkeit für seine Vergangenheit. All seine Erlebnisse helfen ihm im Umgang mit seinen Spielern, seinem Staff, den Vereinsmitarbeitern. Der geplatzte Traum von der Profikarriere als Spieler ist sein Antrieb als Trainer. Er analysiert, er coacht, er strahlt Ruhe aus, er liest das Spiel und ist handlungsfähig. Dieses Mal will er es packen. Er wird es packen, da bin ich mir sicher. Und vielleicht nimmt er irgendwann in der Bundesliga als Cheftrainer auf der Bank von Werder Bremen Platz. Auch wenn dieser Gedanke kitschig sein mag, ich habe im Gefühl, dass es irgendwann wirklich so kommen könnte.

3-4-3 und Familie

Wir reden noch zwei Stunden über Fußball. Es geht um Antonio Conte, der in Muzzis Rangliste vor Jürgen Klopp und Pep Guardiola steht, aber auch um Taktik, Muzzicatos 3-4-3. Wir sprechen über zu früh zufriedene Talente, den deutschen Fußballnachwuchs, Muzzis italienische Wurzeln. Es geht aber auch um die Familie. Er erzählt von schwierigen Zeiten mit seinem Vater, der viel von ihm verlangte, von seinem Bruder Fabrizio, der ihm die Tür ins Trainergeschäft öffnete, von seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern, die noch immer in Bremen weilen. Der rasante Aufstieg von der Bremer Amateurklasse zum ambitionierten Berliner Regionalligisten hat seinen Preis. Nur an den seltenen freien Tagen bekommt er seine Liebsten zu Gesicht. Die Kinder sind in Bremen verwurzelt, gehen dort zur Schule, machen ihren Sport und fühlen sich dort wohl. Aber: Es funktioniert.

Wir könnten noch ewig weiter plaudern, doch jetzt stehen die nächsten Termine für Benedetto an. Die PR-Abteilung verlangt nach ihm, im Anschluss das Management, das den Kader für die kommende Saison planen will. Wir verabschieden uns, machen noch ein Foto vor dem Plakat mit der Spitze gegen die große Hertha und auf geht’s nach Hause.

Der Magen knurrt. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Auf dem Weg zur Autobahn mache ich einen ersten Stopp bei McDonald’s. Cola, zwei Doppelcheeseburger. Dann der zweite Stopp. Mein bester Freund war beruflich in Berlin und ich bin seine Mitfahrgelegenheit. Er fragt, wie es war und ich gerate ins Schwärmen. Der „Menschenfänger“ Muzzicato hat auch mich fasziniert. Er hat das gefunden, was von ihm bleiben wird. Die drei Stunden Heimfahrt vergehen wie im Flug. Etappenkilometer 622. Gesamtkilometer 767.

1. Etappe: Von Hamburg nach Ratzeburg – Meine Deutschland-Tour beginnt

Ich treffe Trainer Marc Fischer vom Ratzeburger SV

Es ist Freitagnachmittag. Die Uhr zeigt 14:26 Uhr, als ich mich in mein Auto setze. Es ist soweit: Ich starte meine Tour durch die Bundesrepublik, um in ganz Deutschland Gleichgesinnte zu treffen. Trainer, die sich dem Amateurfußball verschrieben haben, die ihre Freizeit für ein paar Euro Aufwandsentschädigung auf dem Fußballplatz verbringen. Ich will ihre Geschichte erzählen, weil sie zu selten erzählt wird. Ich bin aufgeregt. Ich weiß zwar, wo mich meine Reise hinführen soll, aber ich kann noch nicht vorhersehen, ob sie es auch wird. Ich fahre los und meine Spotify-Playlist spielt „Nada Ha Cambiado“ von Manuel Turizo. „Nichts hat sich geändert“, heißt der Songtitel aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt. „Doch“, denke ich, „mit diesem Schritt ändert sich Vieles“. Kilometer 1.

Das Ziel der 1. Etappe ist das schöne Ratzeburg in Schleswig-Holstein. Etwas mehr als 70 Kilometer entfernt. Dort bin ich mit Marc Fischer verabredet, Trainer des Ratzeburger SV, der aktuell in der Kreisliga Lübeck beheimatet ist. Es geht mühsam durch den zähen Hamburger Stadtverkehr. Ich kämpfe mich durch Staus in Hamburg-Barmbek, schleppe mich im Schritttempo Richtung Horner Kreisel und biege auf die A24. Endlich läufts. Kurz noch eine Info mit der vom Navi vorhergesagten Ankunftszeit an meinen heutigen Gesprächspartner, und Fuß aufs Gaspedal.

Bei der Fahrt über Autobahn und Landstraße denke ich an meine Anfänge als Trainer. An die Mensa des Gymnasiums Ohmoor, in der mein Kumpel damals fragte, ob ich die Schulmannschaft mit ihm trainieren wolle, an das erste Training mit den Bambinis auf dem Gummiplatz am Sportplatz Sachsenweg und an die Unbeschwertheit des Trainerdaseins zu der damaligen Zeit. Mein Blick schweift nach rechts ab, während ich nachdenke. „Breitenfelde“ steht auf einem gelben Ortschild am Straßenrand und Erinnerungen werden wach. „Hier war ich mal auf auf einem Turnier mit meiner Jugendmannschaft“, denke ich. Es sind schöne Erinnerungen.

Blind Date und plantschende Enten

Es hat etwas leicht majestätisches, wenn man in Richtung Ratzeburger Altstadt einbiegt. Vorbei an einer etwas in die Jahre gekommenen Tankstelle führt der Weg auf einen Damm über das Gewässer. Hier ist so viel Wasser, dass ich immer noch nicht ganz genau weiß, was davon jetzt der Ratzeburger See ist und was nicht. Der Damm führt auf die Insel mit Altstadt, Ratzeburger Dom, zahlreichen Fachwerkbauten, Kopfsteinpflasterstraßen und Marktplatz. Hier bin ich mit Marc Fischer verabredet. Er hatte sich auf mein Trainergesuch gemeldet. Wir kannten uns vorher nicht und haben vielleicht fünf oder sechs Nachrichten ausgetauscht. Es hat den Charakter eines Blind Dates.

Ich parke meinen Wagen, ziehe einen Parkschein und gehe zum Marktplatz. Wir erkennen uns sofort, begrüßen uns und machen uns auf den Weg durch die Ratzeburger Altstadt. Marc ist um die 1,70 Meter groß, hat eine sportliche Figur, rasierte Haare, Dreitagebart, immer funkelnde Augen und ein selbstbewusstes Lächeln auf den Lippen. Marc erzählt von seiner Beziehung zur Stadt, dass er sich hier schon immer wohlgefühlt hat, die meisten seiner Freunde geblieben sind und er nie einen Grund gesehen hat, Ratzeburg zu verlassen. Und dann ist da natürlich auch der Fußball. Es dauert keine fünf Minuten, bis wir persönliches Vorgeplänkel gegen unser beider Lieblingsthema tauschen.

Der Himmel überm Ratzeburger See ist zwar grau, aber es fällt kein Regen hinab. Wir spazieren am Ufer entlang, neben uns plantschen Enten im kalten Wasser. Marc und ich sprechen über Trainerausbildung und Lehrgänge – seine DFB-Elite-Jugend-Lizenz hat er in Malente erfolgreich absolviert – über unser beider Werdegänge und über Strukturen in Vereinen. Wir entdecken viele Parallelen. Auch Marc ist Jahrgang 1988, begann 2006 als Jugendtrainer und engagiert sich über seine Tätigkeit als Trainer hinaus im Verein. Er sitzt sogar im Vorstand des Ratzeburger SV, hat ein neues Nachwuchskonzept entworfen, nach dem beim RSV mit Jugendlichen gearbeitet wird, und er trainiert eben auch die 1. Herren des Vereins.

Es ist verblüffend: Zwei Menschen, die sich nie zuvor gesprochen, geschweige denn gesehen haben, plaudern ohne Pausen einfach munter drauf los. Während wir zurück zum Marktplatz spazieren, verliere ich mich kurz in Gedanken: „Es ist richtig, dieses Projekt in Angriff genommen zu haben“, denke ich, „es ist einfach richtig.“

Trainer-Kosmos und Realität

Nach kurzer Fahrt komme ich beim Riemann-Sportplatz an. Ich fühle mich an frühere Ausfahrten ins Trainingslager als Jugendspieler erinnert. Hinter dem kleinen Parkplatz liegt das Hauptgebäude. Vereinsheim, Fitness- und Kursräume, Kegelbahn, Umkleidetrakt alles in rotem Backstein. Marc war noch schnell bei sich zu Hause, um seine Sporttasche zu packen. Schließlich ist für den Abend noch Training angesetzt. Er wartet in der hintersten Ecke der Vereinsgastronomie. Es riecht nach Frittenfett. „So muss ein Vereinsheim duften“, denke ich und freue mich schon auf die Currywurst, die ich hier später bestellen werde. Der Gastwirt hat sich größte Mühe gegeben, das altbackene Drumherum des Gebäudes modern einzurichten. Das ist ihm irgendwie auch gelungen, wenn man von der übriggebliebenen Weihnachtsdeko und einem fürchterlichen Mops aus Ton absieht. Marc bestellt Wasser und Spezi, ich lege mein Diktiergerät auf den Tisch.

Marc berichtet von seinem Werdegang. Er erzählt, wie der frühere Jugendwart einst zum Training von seiner Mannschaft kam und einfach fragte, ob einer von ihnen Lust hätte, eine Nachwuchsmannschaft zu trainieren. Marc, damals jüngerer A-Jugendspieler, hatte noch nie so wirklich darüber nachgedacht, aber spürte sofort einen Drang und sagte zu. Gemeinsam mit einem Kumpel, der heute übrigens wieder sein Co-Trainer der 1. Herren ist, legte er los. Fast 14 Jahre später ist Marc immer noch im Verein, hat diesen nach seinen Vorstellungen verändert und geprägt. Seine eigenen Fußballschuhe hat er vor knapp zwei Jahren an den Nagel gehängt, als er Trainer der 1. Herren wurde. Nur ab und zu kickt er sonntagvormittags noch bei der dritten Mannschaft mit.

Wenn Marc über Fußball spricht, ist er in einem Rausch. Seine ohnehin schon leuchtenden Augen glänzen noch mehr, sein Gesicht verrät seine gesamte Leidenschaft. Er lächelt fast durchgehend, während wir uns unterhalten. Immer wieder gestikuliert er wild, um das Gesagte zu unterstützen. Er spricht von Pep Guardiola und Jürgen Klopp, von Ballbesitz und Pressing. Hin und wieder kommen Leute an unseren Tisch, begrüßen ihn, schütteln auch mir die Hand, immer freundlich, immer mit einem „Moin“ auf den Lippen. Irgendwann kommen auch zwei Spieler zu uns. „Heute doll oder eher weniger?“, fragen sie. Als Marc antworten will, wird schnell klar, dass sie weniger das bevorstehende Training als den Mannschaftsabend im Anschluss meinen. Ich kenne diese Fragen nur zu gut. Wir müssen lachen.

Die ohnehin schon äußerst gute Gesprächsatmosphäre erreicht ihren Höhepunkt aber erst, als Marc sein iPad zückt und mir von seiner Datenerfassung berichtet. Periodisiertes Training, Trainingsbeteiligung, ein paar Statistiken – das kenne ich von mir, aber Marc bringt mich ins Staunen. Er führt Statistiken über jede Torchance eines jeden Spiels und ermittelt dadurch die sogenannten „Expected Goals“ (xG). Ort auf dem Spielfeld, Körperteil – alles wird erfasst. Auch jedes Gegentor wird aufgezeichnet, jedes verhinderte Gegentor ebenfalls. Jeder Block, jede Parade – es ist Wahnsinn. Datenanalyse vom Feinsten – und das in der 8. Spielklasse.

Marc schwärmt, ich bin beeindruckt. Ich dachte immer, ich sei bekloppt in Sachen Fußball, aber dieser Trainer hebt das alles auf eine andere Ebene. Während ich nicht aus dem Staunen herauskomme, denke ich an den Kontrast zwischen dem, was Marc hier an Zeit und Hingabe investiert und dem, was von der Mannschaft zurückkommt. Neun Spieler haben sich für das Training, eine lange geplante Hinrundenanalyse und den anschließenden Teamabend angekündigt. 12-14 kommen im Schnitt zu den Einheiten. „Ist doch eine gute Anzahl“, sagt Marc und ich staune wieder. Über seinen Optimismus, über seine Leidenschaft und über seine Einstellung. „Ich mache das ja auch für mich. Es macht mir Spaß und ich habe durch die vielen Daten immer neue Ansätze, wie wir uns verbessern können“, sagt er.

Während Marc mir weiter seine zahlreichen Excel-Tabellen zeigt, wird mir bewusst, dass dieser Mann für Höheres bestimmt ist, dass er ein Feuer hat, das so lichterloh brennt, dass es ihn weit über Ratzeburg hinausbringen wird. Er selbst will in Ratzeburg noch etwas „zu Ende bringen“. Zwei Aufstiege sollen es werden in nächster Zeit. Und ja, irgendwann könne er sich andere Aufgaben vorstellen. Regionalliga wäre ein Traum. Ich habe keinerlei Zweifel, dass er sich diesen Traum erfüllen kann.

Training und Currywurst/Pommes

Doch noch steckt er in der Gegenwart. Es ist kurz vor 19 Uhr und er muss sich für das Training fertigmachen. Er zeigt mir den Kabinentrakt, gestrichen in den roten Vereinsfarben des RSV. Überall an der Wand hängen Schilder mit Motivationssprüchen, alles in der Schrift, die auch auf den Trainingsklamotten des Vereins verwendet wird. Marcs Idee – keine Überraschung. Er tauscht Bolzplatzkind-Hoodie mit Nike-Trainingsanzug. Aus der Spielerkabine tönt laute Techno-Musik, bis der letzte Spieler die Kabine Richtung Trainingsplatz verlässt.

Das Sportgelände ist wie das Vereinsheim: ein Mix aus Vergangenheit und Gegenwart. Auf der linken Seite das alte Stadion mit Laufbahn, in der Mitte ein kleiner moderner Kunstrasen und auf der rechten Seite etwas erhöht ein Trainingsplatz mit Naturrasen. Marc erzählt, dass sein RSV zu den ganz wenigen Vereinen der Region Lauenburg gehört, die über einen Kunstrasenplatz verfügen. Unvorstellbar für uns Städter, nicht ganzjährig problemlos trainieren und spielen zu können.

Das Training beginnt. Ich nehme auf einer selbstgebauten, sehr geräumigen Holzauswechselbank Platz. Erst Rondo mit sieben gegen zwei, dann Lauf-ABC, Aktivierung und Mobilisation. Marc gibt Kommandos. Ihn stört die Trainingsbeteiligung spürbar nicht. Auch den Jungs macht es nichts aus. Sie kennen die Situation. Jahr für Jahr zieht es junge Spieler zum Studieren in die umliegenden Städte Lübeck, Kiel oder Hamburg. Ein Zustand, an den man sich beim Ratzeburger SV gewöhnt hat.

Als mir kalt wird, zieht es mich zurück in die Gaststätte. Schließlich habe ich hier noch ein Date mit einer Currywurst. Ich setze mich an denselben Tisch wie zuvor. Die leere Wasserflasche und auch die Speziflasche stehen noch dort. Auch die Currywurst muss leider warten. Die Alte Herren des RSV hat Griechischen Abend mit Gyros, Tzatziki und Ouzo. Die Küche kommt an ihre Grenzen. „Eine Stunde warten“ berichtet mir die junge Bedienung. Ich nehme die Wartezeit in Kauf, mache mir Notizen über Marc und denke nach. Doch aus dem Nichts kommt plötzlich die Currywurst an meinen Platz. Die Pommes stapeln sich auf dem Teller. Ich rieche das Fett. Herrlich. Ich bedanke mich beim Gastwirt für das Entgegenkommen und verputze langsam und genüsslich mein Abendessen, während Marc seine neun Spieler über den Platz dirigiert.

Schwarzbrot und Bockwurst

Frisch geduscht nehmen die Spieler nach und nach im Besprechungsraum Platz. Tische in U-Form aufgestellt, Beamer, Holzstühle. Grau-und Schwarzbrot, Aufschnitt und Bockwurst stehen ebenso bereit wie Cola und Bier. Nicht alle haben es vom Trainingsplatz zur Hinrundenanalyse geschafft. Einige hatten andere Pläne, dafür sind verletzte Spieler dazugekommen. Insgesamt aber immer nur noch neun Spieler, die einer unglaublich detaillierten Präsentation des Trainers lauschen.

Fünf Stunden Arbeit hat diese das Trainerteam gekostet, erzählt mir Marc auf dem Weg zum Raum, und nur ein Drittel der Mannschaft wird sie hören. „Da wird wohl mal wieder eine Ansage fällig“, sagt er zu mir. Das erste Mal an diesem Tag wird deutlich, dass er sich schon manchmal wünscht, dass seine Spieler seinem Anspruch mehr gerecht werden. Ich kenne dieses Gefühl. Es ist ein merkwürdiges Empfinden. Auf der einen Seite kann man seine eigene Besessenheit nicht auch von Amateurfußballern einfordern, auf der anderen fühlt man sich als Trainer doch manchmal alleine im Regen stehen gelassen.

Als auch der letzte Spieler frischgeduscht die Tür des Besprechungsraums öffnet und sich setzt, geht es los. Marc analysiert und präsentiert, als wenn vor ihm 20 Spieler sitzen würden. Beeindruckend. Klare Rhetorik, klare Vorstellungen. Das Team lauscht und mampft und trinkt, bis die Präsentation von Marc und seinem Co-Trainer zu Ende ist. Zum Abschluss werden noch Ämter verteilt. Es gibt ein Amt für Bier, für Feierei, für die Kabine, für Shampoo, für die Mannschaftskasse und die Musik. Es wird gelacht und diskutiert, weitere Biere werden geöffnet und der Mannschafts-DJ koppelt sein Handy mit einem fetten, basslastigen Lautsprecher. Wieder läuft Techno.

Zeit für mich zu gehen. Ich bedanke mich bei Marc für die Einblicke in seine Trainerwelt, verabschiede mich mit einem Klopfen auf den Tisch bei der Mannschaft und stapfe in die Dunkelheit Richtung Parkplatz. 22:30 Uhr steht auf der Uhr meines Autos. Es geht nach Hause. Jetzt spielt Spotify „How To Save A Life“ von The Fray. Und während ich durch die Nacht fahre, spüre ich, dass dieses Projekt mein Leben „retten“ wird, dass ich endlich wieder für meine Arbeit brennen werde. Ich singe mit, bei diesem und bei allen folgenden Liedern, bis ich zu Hause ankomme und die 1. Etappe Geschichte ist. Kilometer 145.

Rivalen oder Kumpel? Beides!

Ich treffe Jan-Hendrik Haimerl – Trainerkollege, Sparringspartner, Gleichgesinnter

Es ist die hinterste und spärlich beleuchtete Ecke eines Schanzen-Lokals. Hatari Pfälzer Stube am Schulterblatt. Hier wartet Jan-Hendrik Haimerl auf mich, Trainer des HSV Barmbek-Uhlenhorst 2, Rivale, Trainerkumpel. Es ist das erste Mal, dass wir uns abseits eines Fußballplatzes sehen. Warum es so lange gedauert hat, wissen wir selber nicht genau. Seit längerer Zeit sind mehrminütige Sprachnachrichten als Wochenendzusammenfassung nach Spieltagen mehr Regel als Ausnahme. Auf der wackligen Bierzelt-Garnitur stehen Ketchup, Mayonnaise und Senf. Wir bestellen zwei Bier und Schnitzel mit Käsespätzle. Es dauert keine zwei Minuten und wir versinken in Geschichten des Hamburger Amateurfußballs.

Wir erinnern uns gut an unsere erste Begegnung. Anfang September 2014. Ich war damals noch Spielertrainer, meine Mannschaft gerade aufgestiegen. Haimerl saß bereits auf der Bank, allerdings als Co-Trainer. Nach Rückstand schieße ich das 1:1, wir gehen am Ende mit 1:7 unter. „Unser Trainer hat die Mannschaft damals vor dir gewarnt“, erinnert sich Haimerl. An der höchsten Pflichtspielpleite bis heute konnte das aber auch nichts ändern. Bei der Suche einer Antwort auf die Frage, warum das die Geburtsstunde einer langjährigen Rivalität war, können wir beide nur mutmaßen.

In den folgenden neun Aufeinandertreffen beißt sich BU 2 an uns die Zähne aus. Wir gewinnen vier Partien, spielen fünf Mal Unentschieden. Barmbek-Uhlenhorst ist dabei immer Favorit, wir jedes Mal der Außenseiter. Jedes Aufeinandertreffen erzählt seine eigene Geschichte und brennt sich in die Erinnerungen ein. „Zu Beginn der letzten Spielzeiten hat die Mannschaft immer das Ziel ausgegeben, Niendorf zu schlagen“, berichtet Haimerl. Ich weiß, dass dieses Ziel noch etwas drastischer formuliert wurde. Aus dem Angstgegner-Dasein machten sich meine Jungs regelmäßig ihre Scherze, äußerten diese unter anderem auch im Megapark auf Mallorca. Frotzeleien vor 5-Liter-Säulen. Das Bild kann man nicht malen.

Ich vermute, dass die Rivalität in der Ähnlichkeit der jeweiligen sozialen Strukturen begründet liegt. Beide Teams kommen jahrelang über die Geschlossenheit, „die Kabine“, wie es Haimerl formuliert. Eine gute Stimmung im Team zu haben, abseits des Platzes viel zu unternehmen und am Ende der Saison auf Mallorca zu feiern – das war schon immer für beide Truppen wichtig.

Das Schnitzel wird endlich serviert. Es hat gedauert. Wir sind schon beim dritten Bier. Die Portion ist riesig, der Hunger aber auch. Wir erinnern uns an weitere Momente.

Haimerl erzählt davon, dass er als Co-Trainer in einer Saison ausgerechnet in den beiden Aufeinandertreffen mit meiner Mannschaft seinen Trainer vertreten musste und beide Spiele verlor. Ich erinnere mich an ein Heimspiel, vor dem BU 2 im Kreis nochmals betonte, dass es dieses Mal endlich klappen müsse. Wann wir angefangen haben, häufiger miteinander zu kommunizieren, wissen wir beide aber auch nicht mehr ganz genau.

War es die zufällige, gemeinsame Gegnerbeobachtung bei UH Adler Sonntagmorgen an der Beethovenstraße? Oder irgendeine der vielen Abstimmungen bezüglich Trikotfarben per WhatsApp? Die endgültige Initialzündung war wohl die sehr nette Geste beim vorletzten Aufeinandertreffen im Herbst 2018. Haimerl überreichte mir beim Gastspiel in Barmbek ein Sixpack mit ausgefallenem Bier als Aufmerksamkeit zu meiner Hochzeit. Seitdem tauschen wir uns regelmäßig über Amateurfußball aus, vornehmlich über die Bezirksliga Nord aber auch andere Skurrilitäten im Hamburger Fußball. Selbst seit dem Aufstieg von BU 2 in die Landesliga ist der Kontakt nicht abgerissen. Im Gegenteil.

Das Schnitzel ist verputzt, die nächste Runde Bier bestellt. Themen gehen uns nicht aus. Der Amateurfußball hat einfach zu viel zu bieten, vor allem, wenn man so bekloppt ist wie wir. Wir sprechen über Gerüchte, über Spieler, über verrückte Gestalten, die sich überraschenderweise seit Jahren in den höchsten Amateur-Ligen profilieren dürfen. Doch jetzt will ich wissen, wie mein Namensvetter eigentlich Trainer geworden ist. Eine Frage, die mich bei jedem Kollegen extrem interessiert.

So richtig darauf aus sei er nie gewesen, berichtet Jan-Hendrik Haimerl. Lange Zeit war er Assistent. Doch als sein Chef das Amt aufgab und die Mannschaft nach ihm verlangte, wagte er den Schritt in die erste Reihe. „Ich hatte mir nie vorgenommen, irgendwann mal Trainer zu sein“, sagt er heute. Doch der Schritt war der richtige. Binnen zwei Jahren baute er in Barmbek eine Mannschaft auf, die tatsächlich aufsteigen würde. Das war vorher schon jahrelang das Ziel gewesen. Im Mai 2019 hat es als Vizemeister endlich geklappt.

Das Vertrauen im Verein ist kontinuierlich gestiegen. Kein Wunder, schließlich läuft es auch eine Spielklasse höher als Aufsteiger ausgezeichnet. „Am Anfang haben wir noch etwas Lehrgeld bezahlt und mussten begreifen, dass eine solide Leistung in dieser Liga nicht auch immer gleich mit Punkten belohnt wird.“

Seine Entwicklung hat sich im Hamburger Amateurfußball herumgesprochen. Immer wieder trudeln Anfragen anderer Vereine ein. Doch die Liebe zum HSV Barmbek-Uhlenhorst war bisher immer stärker als die Neugier, mal etwas Neues auszuprobieren. Parallel absolviert Haimerl seinen B-Lizenzlehrgang in Barsinghausen, mit dabei sein Co-Trainer Stephan Obst, ebenfalls ein BU-Urgestein und durchaus einer der Faktoren für die aufgekommene Rivalität unserer beiden Mannschaften.

„Obst war immer genauso verrückt wie euer Torwart damals“, schmunzelt Coach Haimerl, während die nächste Runde Bier auf den wackeligen Biertisch gestellt wird. Genau diese Verrücktheit ist aber auch das, was die Typen im Amateurfußball auszeichnet. Echt muss er sein, dieser wahnsinnige Sport. Da sind wir uns beide einig. „Wenn ich sehe, wie viel Geld mittlerweile im Amateurfußball im Umlauf ist, dreht sich mir der Magen um“, sagt mein Gegenüber, „das macht doch keinen Spaß.“ Ich stimme zu.

Und weil wir beide so denken, weil uns diese in unseren Augen falsche Entwicklung so zuwider ist, wir unsere Teams auch nach diesen Werten aufgestellt haben, genau deshalb sind wir Rivalen geworden und genau deshalb auch Kumpel.

Gleichgesinnte zu treffen, ist für mich ein hohes Gut. Der Kosmos Amateurfußball ist nicht für jeden begreifbar und gerade deshalb macht es solch eine Freude, sich mit anderen Bekloppten wie Jan-Hendrik Haimerl auszutauschen. Selbst, wenn sie nicht mehr in derselben Liga spielen. Dass der Niendorf-Fluch auch höherklassig weitergeht (unsere 2. Mannschaft spielt dort) reicht mir da völlig.

Wir kippen noch einen Schnaps, stoßen mit dem letzten Schluck des x-ten Bieres an, zahlen und verabschieden uns. „Bis bald!“ „Jo, bis bald“. Auf dem Fußballplatz. Es ist sehr wahrscheinlich.