Sommerpause – Kopf leer, Kopf wieder voll

Beim Autofahren, vor dem Einschlafen oder unter der Dusche schießt plötzlich ein Gedanke in den Kopf. Eine neue Spielidee oder neue Trainingsformen erscheinen vor dem geistigen Auge. Während einer laufenden Saison sind diese Momente rar. Viel zu sehr ist der Trainer damit beschäftigt, das vergangene Spiel nachzubereiten und das kommende zu planen. In der Sommerpause aber ist das anders. Wenn der Ball ruht und die Spieler die Füße hochlegen, ist wieder Platz im Kopf. Das sorgt nicht nur für neue, spannende Inhalte, sondern vor allem auch für eine nachhaltig ansteigende Motivation und Vorfreude auf die neue Saison, selbst wenn die alte nur ein paar Tage in der Vergangenheit zurückliegt.

Dieser Moment ist jetzt für mich gekommen. Durch den arg fragwürdigen Spielplan meiner A-Jugend ging meine Spielzeit 2018/19 drei Wochen länger als sonst. 72 Spiele und 152 Trainingseinheiten liegen hinter mir. Intensive Emotionen, viele Gespräche und ab und an gereizte Stimmbänder haben Körper und Geist ausgesaugt und das Verlangen nach Nichtstun in die Höhe getrieben. Das 14. Trainerjahr war mit Abstand das intensivste, aber dafür auch sehr lehrreich.

Und gerade dann, wenn Fußball für kurze Zeit fast das Letzte ist, was du tun willst, entstehen in deinem Kopf neue Ideen, neue Ansätze und neue Motivation. Dieses sich eigentlich komplett widersprechende Gefühl ist die Triebfeder meine Trainerdaseins. Neue Kraft dann zu finden, wenn eigentlich keine Kraft mehr da ist, erfüllt mich mit Leben. Fußball, du bist Schuld! Danke!

Ein letztes Mal

Jungs, ein letztes Mal werden wir gemeinsam auf dem Trainingsplatz stehen. Ein letztes Mal werden wir gemeinsam ein Punktspiel bestreiten. Nach 14 Jahren endet für die meisten von euch eure Zeit im Jugendfußball. Mit einer kurzen Unterbrechung sind wir diesen Weg immer zusammen gegangen.

Bei unserem ersten Training damals auf dem glühend heißen Gummiplatz in der hintersten Ecke unserer Sportanlage konnten sich die meisten von euch noch nicht alleine die Schuhe zubinden. Beständig den Ball zu treffen, fiel euch damals schon erheblich leichter, obwohl ihr kaum doppelt so groß wie das Spielgerät wart. Aus einem Training wurden tausende Einheiten, auf das erste Spiel im Modus Vier gegen Vier folgten hunderte weitere. Erst Sieben gegen Sieben, dann Neun gegen Neun, und endlich Elf gegen Elf. Wir waren zusammen an den unterschiedlichsten Orten, um dort gemeinsam Fußball zu spielen.

Ihr wurdet eingeschult, viele von euch an derselben Schule. Freundschaften, die auf dem Sportplatz entstanden, hatten auch darüber hinaus Bestand und wie wir jetzt wissen, nennt ihr dieselben Jungs auch heute noch eure Freunde, die damals zusammen mit euch gegen den ersten Ball getreten haben. Was gibt es im Leben Wertvolleres als das?

Die Zeit verging. Ihr wurdet älter. Neue Spieler kamen dazu und damit auch neue Freunde. Staffelmeisterschaften reihten sich aneinander, unvergessliche Erlebnisse auf Turnieren in Hannover und Berlin könnt ihr zu euren Abenteuern zählen. Wir haben gegen Finnen, Tschechen, Spanier und Italiener gespielt, den Nachwuchs vom FC Sevilla im Finale spielen sehen. Und auch in der Halle wurden wir von allen respektiert. Wir standen so oft in der Endrunde um die Hallenmeisterschaft und sind so oft so knapp daran vorbeigeschrammt.

Umgeworfen hat uns aber nie etwas. Erinnert ihr euch noch an das U13-Halbfinale um die Hamburger Meisterschaft auf dem Feld gegen St. Pauli? 0:3 stand es zur Pause. Einen geknickten Haufen Zwölf- und Dreizehnjähriger musste ich wieder aufrichten – und plötzlich stand es 3:3. Ihr habt gelernt, dass im Fußball alles möglich ist und auch habt ihr erfahren, dass dieser Sport für den ein oder anderen Grenzen hat. Diese Grenzen habe ich für mich ebenfalls erfahren.

Beruf und Fußballtrainer im Jugendbereich sind nicht immer mit voller Energie zu vereinen. So habe ich eure Entwicklung in neue Hände gelegt und habe keine Sekunde gezögert, als mich diese Hände nach anderthalb Jahren Pause um Unterstützung gebeten haben. Viele Gesichter waren neu, viele von diesen neuen Gesichtern werden bald gemeinsam mit den vielen alten ein letztes Mal auf dem Platz stehen. Und viele weitere Gesichter, die einst Teil dieser Gemeinschaft waren, werden euch dabei zusehen.

Im Laufe der Jahre wurden eure Stimmen tiefer, eure Schultern breiter und euer Selbstbewusstsein größer. In der Schule wurde es stressiger. Jetzt haben die meisten von euch ihr Abitur abgeschlossen. Es sind diejenigen, die einst auf dem Gummiplatz den Ball auf ein Stahltor geschossen haben.

Wenn ich sehe, wie viele Freundschaften untereinander in den vergangenen Jahren entstanden sind, macht mich das unheimlich stolz. Das ist größer als jedes Finale, größer als jeder Sieg, größer als jedes Tor. Mit einem meiner engsten Freunde stand ich selbst vor vielen, vielen Jahren das erste Mal auf einem Fußballplatz, und noch heute steht er an meiner Seite und ich an seiner.

Ja, es hat in diesem Jahrgang 2001 nie mit dem ganz großen Wurf geklappt und das wurmt mich genauso wie euch. Aber ihr werdet euch immer daran erinnern, mit wem ihr diese Erfahrungen geteilt habt. Nach der Sommerpause werdet ihr neue Wege gehen. Ein Teil gemeinsam mit mir bei den Herren, einige werden neue Herausforderungen suchen, andere werden sich Studium, Ausbildung oder Ausland widmen. In wenigen Tagen aber stehen wir erst einmal wieder zusammen auf dem Platz. Es wird das letzte Mal sein – meine kleinen Brüder und ich.

Vorbereitung, Konzentration, Handlungsoptionen – ein Trainer muss am Spieltag Leistung bringen

Wie eine gute Spielvorbereitung für die nötige spannung sorgt

Als der HSV am vergangenen Dienstag im Pokalhalbfinale gegen RB Leipzig spielte, hat mich ein Bild gefesselt und nicht mehr losgelassen. Es war eine Nahaufnahme von HSV-Trainer Hannes Wolf in der Phase nach dem 1:1. Diese maximale Anspannung bei gleichzeitiger Konzentration, der schnelle Pulsschlag, der leichte Schweißfilm auf der Haut – dieses Gefühl strengt zwar an, aber es macht dich unheimlich lebendig. Ihm war all das in dieser einen Szene anzusehen und er wird es genauso lieben wie ich.

Wenn ich mich auf ein Spiel vorbereite, begleitet mich die gesamte Trainingswoche hinweg eine gewisse Lockerheit. Die erste Anspannung, besonders vor Spielen gegen Gegner, die einen sportlich besonders herausfordern, kommt am Abend vor dem Anstoß. Diese Aufregung steigert sich nach dem Aufstehen. Wir spielen meist am frühen Mittag unsere Heimspiele und sind häufig die ersten am Platz. Ich bin immer besonders früh vor Ort, schließe die Kabine auf, lege meine Sachen ab und setze meine Kopfhörer auf. Volle Lautstärke. Matchday!

Alleine wandele ich über die Sportanlage, baue die Eckfahnen auf, kontrolliere die Netze und platziere die Hütchen für das Aufwärmprogramm auf dem Platz. Nebenbei summe ich jeden Song mit. Die Spannung steigt weiter, wenn ich die Kabine erneut betrete, die Taktikfolie an die Wand klebe und mit den Aufzeichnungen beginne. Standards, defensiv wie offensiv, und Kernelemente, die ich in dem Spiel von meiner Mannschaft erwarte, habe ich vorher in meinem Notizbuch vermerkt. Das gehört für mich zu einer guten Vorbereitung dazu. Wenn ich in den letzten Zügen an der Taktikfolie bin, kommen die ersten Spieler. Ich lege die Kopfhörer zur Seite und die Lockerheit kommt zurück. Durch meinen ritualisierten Ablauf bin ich von nun an endgültig im Spieltagsmodus. Das Aufwärmen leiten meine Co-Trainer. Manchmal setze ich mich dabei auf die Bank, manchmal bleibe ich in der Kabine, alleine mit der Musik aus der Anlage. Wenn die Mannschaft nach dem Aufwärmen in die Kabine kommt, bin ich unter Vollstrom. Nur so kommen auch die richtigen Worte kurz vor dem Anpfiff aus meinem Mund. Die Emotionen, die ich bei der Ansprache wecken will, sind immer ehrlich, nicht konstruiert. Wieso ich das erwähne? Weil es bei Spielen ohne dieses Ritual nicht einfach ist, diese Anspannung aufzubauen.

Die letzten lauten Worte, kollektives Klatschen und Schreien und es geht raus auf den Platz. Ich schreite langsam hinterher. An der Trainerbank angekommen, folgt nach der Seitenwahl noch der Kreis mit allen Beteiligten. Anstoß. Zeit gestoppt. Auf geht’s!

Von nun an bestimmt der Spielverlauf meinen Adrenalinpegel. Egal, wie hoch dieser ist, jetzt kommt es auf meine volle Konzentration an. Natürlich spielen die Spieler das Spiel, verteidigen, gewinnen Zweikämpfe und schießen die Tore, aber auch wir Trainer müssen unsere Leistung bringen. Was kann ich als Trainer von außen beeinflussen? Welcher Wechsel oder welche taktische Umstellung kann das Spiel positiv verändern? Diese Fragen muss ich mir 90 Minuten lang stellen, um der Mannschaft die Hilfestellung zu geben, die sie braucht. Wenn dein Plan funktioniert, deine Maßnahmen von der Mannschaft umgesetzt werden und ein vermeintlich besserer Gegner vor Probleme gestellt wird, mit denen er nicht gerechnet und auf die er keine Antwort parat hat, dann fühlst du genau das, wonach Hannes Wolf am vergangenen Dienstag im Pokalhalbfinale gegen RB Leipzig kurz nach dem 1:1 ausgesehen hat.

Der Trainer ist nicht der Depp

Zahlreiche enttäuschte Fans drängeln sich die Treppen aus dem B-Rang der Westribüne des Volksparkstadions hinunter. Der HSV hat sich gerade 1:1 von Erzgebirge Aue getrennt. Die Ernüchterung ist also nachvollziehbar. Mit offenen Ohren lausche ich dem ein oder anderem Fan-Gespräch, bis schließlich der Satz fällt, der mich wütend macht: „Der Trainer macht so viele Fehler. Er ist nicht mehr tragbar“, sagt ein aufgebrachter HSV-Fan zu seinem Kumpel, der ihm bestätigend zunickt. Was als eine Meinung im Beton-Bauch des Volksparkstadions geäußert wird, wächst und gedeiht wie ein lästiges Magengeschwür und wird wahrscheinlich bald die öffentliche Meinung prägen können.

Ich finde dieses Trainer-Bashing unmöglich. Natürlich trägt der Trainer die sportliche Verantwortung und muss sich auch berechtigterweise unangenehme Fragen gefallen lassen. Er ist aber nicht dafür verantwortlich, dass einige seiner Spieler den Ball nicht stoppen können oder einen Pass über fünf Meter nicht an den Mann bringen. Der HSV in seiner aktuellen Situation steht aber nicht im Zentrum dieses Beitrags, vielmehr geht es um den öffentlichen ausgestreckten Mittelfinger Richtung Trainer-Gilde, der ohne Skrupel an Häufigkeit zunimmt.

Heute morgen habe ich einen Artikel im Kicker gelesen. Es geht um Bruno Labbadia, der wieder einmal angenehm klar Partei für seine Zunft ergreift und etwas sagt, dass sich sofort in mein Hirn gebrannt hat. Vereine müssen sich frei machen von der öffentlichen Meinung. Auch den Spielern tue es nicht gut, wenn die Autorität ihres Trainers im Misserfolg so schnell angegriffen werde, weil das automatisch dazu führe, dass sie relativ schnell eine Ausrede bekämen.

Wunderbar zu erkennen sind diese Phänomene aktuell in der Bundesliga bei Hannover 96, dem VfB Stuttgart und auch Schalke 04. Alle drei Vereine haben in dieser Saison den Trainer getauscht und bei allen drei Klubs hat sich kein positiver Effekt eingestellt. Es kann nicht immer nur der Trainer sein, der an sportlicher Misere Schuld ist. Natürlich passt nicht jeder Spieler mit jedem Trainer zusammen, aber in der öffentlichen Diskussion erwischt es meist zu allererst den Trainer und nicht die Spieler.

Es wäre ratsam, Trainern mehr Zeit zu geben und nicht bei der ersten signifikanten Schwächephase seinen Kopf zu fordern. Auch daran können Trainer wachsen. Dieser Appell richtet sich vor allem an die Öffentlichkeit.

Der innere 18-Jährige

Oder: wenn eine Niederlage wieder so richtig schmerzt

Es ist dieser Moment, in der sich deine Gefühlslage an der Seitenlinie komplett verändert. Quasi mit dem Schlusspfiff schießt der Gegner noch ein Tor und deine innere Lava sprudelt an die Oberfläche. Frust, Wut, Trauer – alles vermengt sich miteinander und entlädt sich in einem Moment. Du weißt nicht, wohin, fragst noch mal beim Schiedsrichter nach, warum er wie entschieden hat, weißt aber gleichzeitig, dass es falsch ist, nichts bringt und vor allem nichts mehr verändert. Du setzt dich auf die Bank, allein, starrst auf den Platz, leicht geblendet vom grellen Flutlicht. Eigentlich willst du mit niemandem sprechen und gleichzeitig mit jedem Beteiligten noch mal das gesamte Spiel durchgehen. Niederlagen oder Unentschieden, die in letzter Sekunde entstehen, schmerzen unheimlich. Mit dieser Emotion im Moment selbst und auch in den Minuten, Stunden und Tagen danach umzugehen, ist eine Kunst. Wem Fußball, seine Spieler und sein Verein etwas bedeuten, leidet und muss lernen, mit diesem Leid umzugehen. Das ist ein Prozess.

Als 18-jähriger Trainer war ich dazu kaum in der Lage, hatte Emotionen, Wortwahl und Handlungen nicht immer im Griff. Dieser innere 18-Jährige begleitet einen fast die gesamte Zeit der Trainerlaufbahn und schaut immer mal wieder vorbei. Peinliches Schiedsrichter-Gepöbel, Sündenbock-Suche in den eigenen Reihen, Hasstirade auf den schlechten Untergrund – Ausreden finden ist leicht und mindert vielleicht in der ersten Phase nach der Niederlage die Wut, doch nachhaltig ist das nicht. Schlagt dem inneren 18-Jährigen die Tür vor der Nase zu.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich direkt nach dem Spiel mit allem zurückzuhalten. Keine elendig langen Ansprachen im Kreis oder in der Kabine nach Abpfiff, keine Diskussionen mit Gegner und Schiedsrichter. Zieht euch kurz zurück, lasst es sacken, starrt ins Nichts und sucht gegebenenfalls sogar das Weite. In zweiter Instanz hilft ein Gespräch mit Co-Trainer, Kapitän oder anderen Führungsspielern – aber erst mit einem Sicherheitsabstand von ein bis zwei Stunden. Versucht nach einem Abendspiel nicht, direkt ins Bett zu gehen. Lest ein Buch, stöbert im Internet, schaut Fernsehen, bis ihr eure Augen nicht mehr aufhalten könnt. Am nächsten Tag geht die Sonne wieder auf und ihr seht das Spiel und alle Ereignisse deutlich klarer, objektiver und vor allem mit mehr Distanz. Diese Distanz ermöglicht erst eine sachliche Analyse. Denn nur diese bringt euch und eure Spieler weiter. Jeder der Verantwortung trägt, muss sich als erstes wieder aufrichten, Zuversicht ausstrahlen und mit Dingen, die geschehen und Vergangenheit sind, abschließen.

In schwachen, emotionalen Momenten vergesse ich all dies und der 18-Jährige schaut wieder vorbei. Das ärgert mich fast noch mehr, als der Misserfolg selbst. Erst denken, dann handeln. Selbstreflektion ist der Schlüssel, um ein gutes Vorbild zu sein. Nur so zieht ihr Spieler und Umfeld nachhaltig auf eure Seite und überzeugt von eurer Sache. Stärke zeigt sich nicht im Moment des Erfolgs, sondern in der dunkelsten Minute der Niederlage. Daraus ziehe ich die intensivste Art von Motivation.