Ich bin müde

Die schlimmste Vorbereitung aller Zeiten: Von Müdigkeit, Hoffnungsschimmern und einem großen Wunsch

Die Idee hinter diesem Blog war immer, ehrlich zu sein. Einblicke zu geben in das tiefste meines Trainerdaseins. Deswegen werde ich es auch dieses Mal so handhaben. Am Samstag beginnt die neue Saison. Fünf Wochen Vorbereitung liegen hinter meiner Mannschaft und mir. Es war die schlimmste und vor allem demotivierendste Vorbereitung in meinen 15 Jahren als Trainer. Was nach vorigen, auch eher schleppenden Vorbereitungen noch im Verborgenen lag, kommt nun immer weiter an die Oberfläche. Mir fiel es noch nie so schwer, gegen Widerstände anzugehen wie in diesem Sommer. Ich bin müde.

Meine Mannschaft hat in den vergangenen Jahren ein anderes Gesicht bekommen. Zum einen gezwungenermaßen, um den Alterschnitt wettkampffähig zu halten, zum anderen, um sich auch auf dem Platz weiterzuentwickeln. Das Gerüst, das diesen Umbruch zuletzt getragen hat, wird kleiner. Corona hat das Zusammenwachsen zusätzlich ausgebremst. Das alles spielt sicherlich eine Rolle. Auch, dass sich der Fokus in meinem Leben verschiebt. Meine Tochter, meine Frau, der Job. Das ist der Lauf der Dinge. Zum Thema Trainer mit Kind werde ich auch noch mal etwas schreiben.

Gelernt, mit vielen Veränderungen umzugehen

Doch all das sind Dinge, mit denen ich persönlich klarkommen muss. Und das kann ich auch. Ich habe seit dem Jahreswechsel den sportlich wie privaten Umbruch eingeordnet, gelernt, wie ich alles unter einen Hut bekomme und dabei trotzdem auf ein hohes Level an Intensität komme.

Doch mit einer Sache scheine ich nicht klarzukommen – und das ist die Resonanz meiner Mannschaft. Ich merke, wie sehr ich darauf angewiesen bin, dass etwas zurückkommt. Das war immer so. Ich habe extrem viel investiert, und das sehr gerne. Aber ich habe auch immer viel bekommen. Das hat sich verändert. Schleichend. Zwei Jahre Pandemie haben ihren Anteil daran. Freizeit hat eine andere Relevanz bekommen. Freiheit, Freunde, Reisen, Party – all das hat an Bedeutung gewonnen. Fußball nicht. Daran kann ich mich nicht gewöhnen. Auch wenn die Rückrunde der vergangenen Saison Hoffnung gegeben hat, hat die Vorbereitung diese wieder genommen.

Meine Mannschaft war meine Freizeit, meine Freunde – zunächst auf dem Platz, und zwangsläufig immer mehr daneben. Das ging den meisten so. Über Jahre. Erst spielen, dann etwas zusammen unternehmen. Unausgesprochen war das jedes zweite Wochenende klar. Ja, hier ist mal einer im Urlaub, und klar, hier ist mal einer anderweitig verhindert. Aber in Summe war Fußball vor allem eins: wichtig.

Fußball scheint nicht mehr so wichtig

Das scheint es nicht mehr zu sein. Ich weiß von vielen Kollegen, dass sie ähnliche Erfahrungen machen. Das Problem habe ich nicht exklusiv. Das hilft mir – und doch wieder nicht. Die Müdigkeit nimmt zu. Jede Trainingsabsage reduziert meine Motivation. Vielleicht war es auch in vorigen Vorbereitungsphasen ähnlich, aber da hatte ich weder das Gefühl, dass die Probleme aus Gleichgültigkeit entstanden noch habe ich diese Müdigkeit verspürt.

Und dann gibt es sie doch wieder, diese Momente, in denen mein Körper, mein Geist brennen. Beim letzten Testspiel war es so. Da hat vieles geklappt, aber auch am Mittwochabend zum Beispiel als TV-Zuschauer. Als die deutschen Frauen nicht nur ein weiteres Mal begeisternd Fußball gespielt haben, sondern einmal mehr als unglaubliche Einheit aufgetreten sind, zusammen gefeiert haben. Auf dem Platz. In der Kabine. „Das will ich auch“, habe ich in dem Moment gedacht. Ich will, dass der eine sich für den anderen freut, dass jeder Bock darauf hat, ein gemeinsames Ziel zu erreichen: gewinnen!

Das muss nicht immer klappen, damit es Spaß macht. Man muss es nur spüren, aus allen Richtungen des Teams. Und wenn ich mit meiner Mannschaft gewinnen will, dann komme ich auch zum Training, plane das Wochenende nach meinen Spielen. Da will ich hin. Sportliche Weiterentwicklung? Erst einmal egal. Menschlichkeit, das ist mir wichtig.

Das Verlangen nach Resonanz und Begeisterung

Nicht falsch verstehen. Meine Mannschaft ist toll. Eine gute Mischung. Anders als früher, aber ein großartiger Haufen, der als Ganzes nur einfach noch nicht herausgefunden hat, wie geil gemeinsam gewinnen wollen ist.

Und dann kommt nach so einem Mittwochabend, der Donnerstagmorgen, der Vormittag, der Mittag. Trainingsabsagen. Gerade hat man sich hochgefahren, dann fährt man wieder herunter. Ich weiß: Als Trainer müsste ich mich davon freimachen. Kann ich aber nicht mehr. Das ist das, was ich mit ehrlich sein meine.

Hätte ich an diesem Donnerstag berufsbedingt nicht mit der großartigen Friederike Kromp (Trainerin der deutschen U17-Mädels) telefoniert, dann hätte ich mich zum Training nicht mehr zusammenraufen können. Ich kenne Fritzy schon etwas. Mit ihr über Fußball zu sprechen, ist einfach spannend. Ihre Begeisterung steckt an.

Ihr merkt den Roten Faden, oder? Resonanz. War ich früher alleine in der Lage, Begeisterung zu entwickeln, benötige ich heute häufiger ein begeisternden Gegenüber. Ist da auf der anderen Seite noch jemand, der dieses Spiel so liebt, dann bin ich direkt wieder da. Und das wünsche ich mir von einem Großteil meiner Spieler. Liebt dieses Spiel. Liebt die Lust auf Siege. Liebt die Person neben euch auf dem Platz. Das steckt jeden an, auch mich.

Das erste Punktspiel steht an

Jetzt geht es Samstag los. Kleiner Kader. Dieselben, die über fünf Wochen diese schwierige Vorbereitung gestemmt haben. Diejenigen, die seit einigen Einheiten ähnlich frustriert über die Situation sind wie ich. Dieser Haufen wird es richten. Ich habe Lust, es mit ihm zu wuppen. Und ich bin mir sicher, er hat es auch.

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