2020 – Der Trainer-Jahresrückblick: Teil 1

2020 war ein verrücktes Jahr, in dem der Fußball nur eine untergeordnete Rolle spielte. Deutschlandweit mussten Trainer in zwei Zwangspausen, in Trainingseinheiten mit Einschränkungen, wegen ausbleibender Teamevents und ausfallenden Weihnachtsfeiern improvisieren, für ihre Spieler da sein und ganz nebenbei in der kurzen Phase, in der gespielt werden konnte, ihr Team zur Topleistung bringen. Bevor ich persönlich auf dieses Jahr zurückblicke, lasse ich eben diese Trainer zu Wort kommen. Von den Junioren bis zu den Erwachsenen, von Frauen- und von Herrenteams, von der Regionalliga bis in die Kreisliga B. Hier kommt Teil 1.

Benedetto Muzzicato, 42, Viktoria Berlin, Regionalliga Nordost

Sportlich gesehen war es für den Klub und für mich ein erfolgreiches und sehr lehrreiches Jahr. Die richtigen Entscheidungen zu treffen und das richtige Timing, wann du was machst, zu finden, war eine große Herausforderung. Der Umgang mit dem Abbruch, dem Vorbereitungsstart mit Einschränkungen, das waren schon große Aufgaben. Auch gegenüber den Jungs die richtigen Worte in diesen Situationen zu finden und sie immer wieder auf Spannung zu halten, war sehr lehrreich.

Wenn ich das ganze Jahr jetzt in einen Topf werfe, sowohl die abgebrochene Rückrunde als auch die unterbrochene Hinrunde, kann ich den Jungs nur ein großes Kompliment machen. Wir haben im ganzen Jahr nur zwei Spiele verloren, auch Test- und Pokalspiele eingerechnet, wenngleich mit dem Pokalfinale gegen Altglienicke natürlich ein besonders bitteres dabei war. Aber wir haben immer die richtige Reaktion gefunden. Unsere Serie mit 11 Siegen in 11 Spielen sucht ihresgleichen. Auch wenn es verrückt klingt, kann ich sportlich über 2020 nur positives sagen. Die Freude darüber wird natürlich durch die Situation etwas getrübt.

Wenn ich etwas mitnehme aus der ganzen Geschichte, ist es, dass man immer positiv bleiben muss, dass man das auch nach außen ausstrahlt gegenüber Mannschaft, Anhängern und Klub. Es bringt nichts, immer irgendwas schlecht zu reden und Dinge zu hinterfragen, die man nicht beeinflussen kann. „Was wäre gewesen, wenn“, hilft einem überhaupt nicht weiter. Und genau das muss man gerade der Mannschaft gegenüber immer wieder klarstellen.

Wir haben das Glück, dass wir aktuell trainieren können. Trotzdem fehlt natürlich der Wettkampf. Die Jungs wollen raus und sich messen. Ich denke auch gerade deshalb, dass wir Dinge wieder mehr zu schätzen wissen werden. Dinge, die uns jetzt fehlen. Ich freue mich jetzt schon, wieder volle Stadien zu sehen. Der Gedanke daran macht Hoffnung.

Özden Kocadal, 36, HEBC, Oberliga Hamburg

Mein Resümee für das Jahr ist aus Trainersicht durchaus positiv. Dafür, dass ich als Trainer noch nicht so viele Erfahrungen sammeln konnte, ist der Job bei HEBC für mich etwas Besonderes. Hier habe ich noch auf Grand meine ersten Schritte als Oberligaspieler gemacht und darf mich seit dem Abstieg in die Landesliga im Sommer 2019 auch als Trainer beweisen. Deshalb fängt mein Jahresrückblick auch etwas früher an. Ich durfte mich als junger Coach ausprobieren, hatte vom Verein keine Zielvorgabe außer Klassenerhalt. Und dann haben wir in der Hinrunde der vergangenen Saison die ersten zehn Spiele gewonnen, nach nur ganz wenigen schlechten Ergebnissen auch auf Rang 1 überwintert. Mit dem Schwung ging es dann auch 2020 weiter, und dann kam Corona.

Ich bin enttäuscht, dass wir den Aufstieg nicht auf unserem Platz, in unserem Vereinsheim feiern konnten. Es tat wirklich weh, dass wir die Meisterschaft nicht auf dem Platz für uns entscheiden konnten. Das ist unwissentlich schon vorher passiert, aber das ist nicht dasselbe. Auch dass verdiente Spieler, die ihre Karriere nach vielen Jahren beim HEBC beendet haben, nicht richtig verabschiedet werden konnten, tut mir weh.

Özden Kocadal (Foto: Olaf Both)

Die Herausforderung war schon zu Jahresbeginn, als klar wurde, dass wir vielleicht aufsteigen können, herauszufinden, ob wir die Oberliga überhaupt wuppen können. Da hat uns dann die Vorbereitung im Januar und Februar mit vielen Testspielen gegen Oberligisten sehr geholfen. Da haben wir uns sehr gut präsentiert und eine gute Rolle gespielt. Wir haben gesehen, dass die individuelle Qualität der Gegner zwar höher ist, aber wir uns als Team soweit entwickelt haben, dass wir mithalten können. Corona hat unsere Entwicklung dann ein zweites Mal gestoppt. Wir sind für einen Aufsteiger mit dem Ziel Klassenerhalt ganz gut in die Oberliga gestartet und waren gut drauf.

Die Pandemie im Gesamten stellt alle am Hamburger Amateurfußball beteiligten Personen vor großen Aufgaben – Verband, Vereine, Trainer und Spieler. Es ist für keinen einfach. Aber wir als Trainer haben da noch mal eine besondere Verantwortung, weil wir ein stückweit mitentscheiden, wie fit die Spieler aus der Pause kommen. Wenn aber keiner weiß, wann es weitergeht, ist es schwer, die Spieler zu motivieren. Ohne das zentrale Element, den Ball, nutzt sich jeder Laufplan schnell ab. Natürlich kann man mal ein Einzeltraining geben, aber Fußball ist ein Mannschaftssport und gerade bei unserem Verein spielt auch die Kabine eine ganz entscheidende Rolle.

Außerdem mache ich mir große Sorgen, wie wir aus dieser Zwangspause herauskommen, wie sich möglichst wenig Spieler verletzen, wenn es weitergeht. Der Fokus wird auf Fitness liegen, wenn es wieder losgeht. Die große Frage ist, wie schnell man den Fokus wieder reinbekommt. Die Pause ist einfach jetzt schon sehr lang. Die Ziele, die wir uns gesteckt haben, verblassen ja nach einer so langen Pause auch irgendwann.

Ich persönlich nutze die Zeit, um mich selbst zu reflektieren. Was kann ich besser machen, in welchen Bereich muss ich mehr Zeit investieren? Zum Glück läuft Profifußball weiter. Da kann man mit anderem Auge schon ein paar Dinge beobachten und für sich selbst ableiten. Ich muss aber auch sagen, dass mir die Zeit ohne Fußball als junger Familienvater auch guttut.

Indre Berendes, 44, SC Vier- und Marschlande 2, Bezirksliga Süd Hamburg

Ich habe in der ersten Corona-Zeit Anfang des Jahres das Amt des Co-Trainers der 2.Herren vom SCVM übernommen. Eine spannende Zeit, wenn man plötzlich vor so einer neuen großen Herausforderung steht. Eine Mannschaft zu übernehmen, die man bis jetzt nur vom Platz aus der Ferne kennt und durch die Kontaktbeschränkungen auch nicht gerade persönlich kennenlernen kann. Die Gespräche mit dem Verein, der Geschäftsführung und den Trainern haben immer nur in Zweierteams stattgefunden. 

Indre Berendes (Foto: Maurice Herzog)

Dann endlich das erste Training, endlich das erste Kennenlernen – alle auf Abstand. Für eine Frau nicht gerade eine einfache Situation: keine Herzlichkeit möglich. Dazu kommt, dass man bei einem 32-Mann-Kader auf Abstand ganz schön laut schreien muss, für mich fast brüllen. Das war schon ungewohnt und komisch. 

Training war nur in 5er Gruppen mit strengen Regeln möglich. Das hat zwar sehr geholfen, die Herren besser kennenzulernen und Zeit für persönliche Gespräche zu finden, Stärken und Potenziale auf beiden Seiten zu erkennen. Aber es hat auch eine Menge Durchsetzungsvermögen von mir gefordert, die Hygieneregeln und die dafür notwendige Disziplin einzuhalten und einzufordern. 

Die Trainingsvorbereitung war schon sehr intensiv. Eine genaue Planung war viel wichtiger also sonst. Was kann ich wie trainieren? Sind am Ende wirklich alle da? Welches Trainingsziel kann ich umsetzen? Nach welchen Kriterien teile ich das Team in welche Gruppen ein? Habe ich genug Betreuer, um die Gruppen zu coachen oder muss ich Verantwortung auf Spieler übertragen? Welche Spieler sind dafür geeignet? Viele Fragen, die man sich sonst nicht so vor dem Training gestellt hat.

Training in Corona Zeiten hat ein Umdenken erfordert und von Trainern und auch Spielern eine Menge Flexibilität. Ich würde es nicht unbedingt als negativ oder anstrengend bewerten. Im Gegenteil, man lernt sich und auch die Herren von einer anderen Seite kennen. Man findet viele neue Charakterzüge seiner Spieler. Die Zeit hat aber auch eine Menge Fingerspitzengefühl und persönliche Gespräche sowie mentales Training gekostet. Jeder geht da anders mit um. Viele der Herren arbeiten, sind teilweise selbstständig. Andere Sorgen sind auf einmal wichtig. Diese vor einem Spiel beiseite zu schieben, kostet Kraft. Oft ist das Training aber auch die perfekte Ablenkung gewesen. Aus der Kiste danach wurden manchmal zwei, mal den Kopf frei bekommen.

Die ersten Spiele waren aufregend, spannend. Neue Regeln, neue Vorsicht im Umgang miteinander. Kein Abklatschen, keine Herzlichkeit. Aber da war es schon fast wieder Gewohnheit.

Dann der zweite Lockdown. Dieses Mal geplanter, man konnte sich verabschieden, noch mal gemeinsam ein Bier trinken. Und jetzt? Was heißt das für mich als Trainer, der die persönlichen Gespräche auf dem Platz, das Training auf dem Platz und das gemeinsame Lachen/Leiden braucht? Ich erstelle Trainingspläne, Videos, Challenges und einen Fitnessadventskalender. Frage wöchentlich jeden einzelnen Spieler, wie es ihm geht und ob ich etwas für ihn tun kann. Der Haupttrainer ist beruflich selber zu sehr eingespannt und findet kaum Zeit dafür. Persönlich habe ich viele Bücher gelesen, an Trainerfortbildungen teilgenommen und den regelmäßigen Austausch mit einer vom DFB organisierten Trainergruppe gehabt. Jeder hatte immer Themen und jeder hat mal etwas vorgestellt. 

Was hat die Zeit mit mir gemacht? Eine Menge! Sie hat mich stärker werden lassen, weil ich gemerkt habe, dass ich manchmal über meine Grenzen hinauswachsen kann. Sie hat mich schwächer werden lassen, weil ich feststellen musste, was ich alles nicht kann, wo meine Grenzen sind. Sie hat mir gezeigt, dass ich es nicht allen recht machen kann und muss. Ich erreiche nicht alle im Hometraining. Aber das ist wohl okay so. Sie hat mir gezeigt, wo meine Stärken sind. 

Ich bin so oft angeeckt, aber ich bin auch über mich hinausgewachsen, habe gelernt, habe umgedacht und bin flexibel gewesen.  Und wenn ich auch nicht jeden mit meinem täglichen Fitnessvideo im Kalendertürchen erreiche, aber jeden Tag einen mehr. Ich werde nicht aufgeben! Und freue mich jeden Tag mehr, endlich wieder auf dem Platz zu stehen und die Männer wieder zu umarmen.

Tim Braun, 30, Teutonia SuS Waltrop, Bezirksliga Westfalen Staffel 09

Sportlich war der schönste Moment in diesem Jahr, als wir im Pokal mit 4:1 gegen unseren Ortsrivalen gewonnen haben. Insgesamt hatten wir aber auch einige negative Erlebnisse und die Entwicklung war nicht ganz so, wie ich sie mehr erhofft und gewünscht hatte.

Tim Braun (Foto: Rodan Can)

Auf menschlicher Ebene war es natürlich ein hartes Jahr. Ich sehe die Mannschaft schon seit zwei Monaten nicht mehr. Man vermisst den Fußball, den Umgang mit den Menschen. Es ist aber auch tatsächlich mal schön gewesen, eine Zeit ohne Fußball zu erleben. Man ist etwas entspannter, weniger gestresst. Gerade Niederlagen hatten immer großen Einfluss auf die Stimmung am Wochenende. Auch in Sachen Zeit war es mal etwas Anderes ohne Fußball. Insgesamt überwiegt das Vermissen aber schon. Meckern hilft nichts. Immer nach vorne schauen und hoffen, dass es zeitnah wieder ran geht an den Ball.

Jasper Hölscher, (22), Eimsbütteler TV U17 B-Regionalliga, DFB-Stützpunkt Hamburg-Mümmelmannsberg

Ich habe in Sachen Fußball persönlich viel Positives erlebt und das überwiegt dann tatsächlich irgendwie. So viel Negatives haben ich bezogen auf dieses Jahr gar nicht im Kopf. Ich habe als DFB-Stützpunkttrainer Fuß gefasst, dufte im Sommer die Position des Jugendkoordinators beim ETV übernehmen und trainiere erstmals eine Mannschaft überregional in der B-Regionalliga – und das macht alles extrem viel Spaß. Was mich genervt hat, war, dass wir die Rückrunde in der U16 eigentlich dazu nutzen wollten, maximal viel zu spielen, uns zu entwickeln, vielleicht noch ein paar interessante Jungs zu scouten. Das ist halt alles weggefallen. So sind wir dann fast mit dem kompletten Kader hoch in die U17 gegangen. 21 Spieler haben wir übernommen, fünf sind dazu gekommen. Das hatte dann aber auch seinen Reiz, weil viele Spieler, die es bei mehr Neuzugängen vielleicht schwer gehabt hätten, plötzlich richtig aufgeblüht sind.

Im Trainerteam haben wir den ersten Lockdown optimal genutzt, haben die neue Saison viel intensiver planen und vorbereiten können, als es vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. Aber klar, am Ende war die Pause viel zu lang. Es tat weh, so ewig nicht auf dem Platz gestanden zu haben. Als wir dann wieder auf dem Platz waren, hat man schon gemerkt, dass viele Verletzungen die Folge der langen Pause waren, und das obwohl die Jungs sich fitgehalten hatten. Das war ein großes Learning, dass es dann eben für Gelenke und Bänder doch wieder eine andere Belastung ist.

Jasper Hölscher (Foto: Niklas Heiden)

Was dann wieder richtig genervt hat, war die ewig lange Vorbereitung. Wir haben fast 14 Wochen nur trainiert und Testspiele gehabt, sodass wir beim Saisonstart eher wieder müde Spieler hatten, als dass wir auf unserem Maximum waren. Da haben wir für den nächsten Restart auch unsere Lehren draus gezogen. Dann ging die Saison sogar echt gut los. Von den ersten drei Spielen waren direkt zwei gegen NLZ-Teams. Das hat mega Spaß gemacht und dann war schon wieder Pause. Dieses Mal haben wir es aber so gemacht, dass wir mit der uns zur Verfügung stehenden Anzahl an Trainern strukturiertes Einzeltraining anbieten konnten, so dass jeder Spieler in der Woche seine zwei bis drei Termine haben kann. Das haben wir bislang gut genutzt, um gezielt an Schwächen zu arbeiten.

Es war insgesamt natürlich ein schwieriges Jahr, aber auch total spannend für mich. Als Trainer musste ich andere Ansätze finde, andere Ideen. Aber dadurch konnte ich mich auch entwickeln. Ich habe zum Beispiel mein Einzeltraining verbessern können. Auch die Nähe zu den Spielern ist noch enger geworden, weil man sehr individuell kommunizieren musste, über Telefonate oder eben jetzt in den Einzeltrainings viel mehr Gespräche geführt hat. Dazu kommen die vielen spannenden Learnings wie die Sache mit den Verletzungen oder auch der Vorbereitungszeit. Weniger ist manchmal mehr. Ich bin gespannt aufs nächste Jahr.

Dennis Walter, 22, RSV Eintracht 1949 U14, Landesklasse Nord/West Brandenburg

2020 war ein sehr verrücktes, aufregendes und nerviges Jahr. Wir hatten uns mit der U13 sehr gut auf die Rückründe vorbereitet. Unter anderem sollten die Landesmeisterschaften Brandenburgs mit den besten acht U13 Teams in diesem Jahr auf unserer Anlage stattfinden. Außerdem wollten wir uns aufs Großfeld vorbereiten und Leistungsvergleiche unter anderem bei RB Leipzig spielen. Und dann ist daraus erstmal nichts geworden.

Wir haben die Zeit dann trotzdem gut genutzt. Wir hatten Zoom-Meetings und haben den Jungs Wochenaufgaben gegeben, bei denen sie im Team interagieren und kommunizieren mussten. Sie durften dafür auch Videos drehen und kreativ werden. Das haben die Jungs toll umgesetzt mit super Ergebnissen. So konnten wir den ersten Lockdown gut überbrücken.

Dann konnten wir in Brandenburg relativ schnell wieder Fußball spielen und ich habe für mich gemerkt, dass ich die Trainingseinheiten viel bewusster wahrgenommen und genossen und mich noch mehr darauf gefreut habe, mit den Jungs auf dem Platz zu stehen. Durch Corona hat man wieder neu gelernt, mehr auf die kleinen Dinge zu achten.

Der Start aufs Großfeld verlief dann typisch für eine U14. Lehrgeld bezahlt aber viel dazu gelernt, trotzdem viele Erfolgserlebnisse gesammelt, hart gearbeitet und dann auch gute Ergebnisse geholt und guten Fußball gespielt. Die Jungs hören zu, sind lernwillig und fragen viel. Der zweite Lockdown war dann schwieriger. Wir haben es wieder mit Zoom-Meetings und Läufen versucht, aber es war natürlich deutlich komplexer, die Spannung hochzuhalten bei bevorstehender Winterpause.

Dennis Walter (Foto: Daniel Raphaélian)

Ich persönlich konnte mich als Trainer weiterentwickeln. Ich habe viel gelesen, viele Webinare geguckt und konnte so viel lernen. Bundesliga gucke ich jetzt anders. Das habe ich auch auf dem Platz gemerkt. Ich habe auf andere Dinge geachtet, andere Sachen gecoacht, war deutlich detaillierter. Jetzt hoffe ich, dass das alles schnellstmöglich vorbei ist und ich die nächsten Schritte dann auch auf dem Platz machen kann.

Unterm Strich war die Zeit durchaus auch wertvoll. Jetzt fehlt halt der Transfer auf dem Platz. Ich habe in der Zeit gelernt, den Fußball als schönste Nebensache mehr zu genießen, losgelöst von leistungsorientiert oder nicht. Man sollte sich wieder öfter bewusst machen, dass man Trainer oder auch Spieler ist, weil man Fußball liebt.

Das Kommunikationsdesaster

Es ist ein harter Schlag für Hamburgs Amateurfußball. Der Hamburger Fußball-Verband unterbricht die laufende Saison bis auf Weiteres und folgt damit nicht dem gegebenen Spielraum der Stadt Hamburg. Noch am Samstag hatte der Senat sein Go für das Weiterlaufen des Spielbetriebes gegeben. Es ist der Landkreis Pinneberg, der mit seiner Entscheidung am Samstag für diese Lawine sorgt. Beim Hamburger Nachbarn dürfen ab Montag keine Fußballspiele mehr stattfinden. Da zahlreiche Pinneberger Vereine am Hamburger Spielbetrieb teilnehmen, war abzusehen, dass diese Maßnahme Einfluss auf alle weiteren Vereine haben würde.

Das Problem in meinen Augen ist dabei nicht in erster Linie die Entscheidung per se. Es ist die Art und Weise, wie sie gezwungener Maßen zustandekommt. Wieder einmal trifft jemand eine Entscheidung, kommuniziert diese, ohne ansatzweise mit den dadurch ebenfalls betroffenen Parteien zu kommunizieren. Ich erwarte von Politik und Verbandsgremien einen Dialog untereinander in dieser schwierigen Zeit. Ich muss die Folgen meiner Entscheidungen für andere vorhersehen und eben auch abwägen, ob sie dadurch überhaupt noch haltbar sind.

Dass der Hamburger Fußball-Verband, der im Sommer stets der Stadt folgte und Spiele lange Zeit untersagt hatte, während in Niedersachsen und eben zum Beispiel im schleswig-holsteinischen Pinnerberg wieder gekickt wurde, jetzt nicht der Stadt folgt, hinterlässt zurecht Fragezeichen bei den Vereinen. Wäre es vielleicht möglich gewesen, zumindest die Staffeln ohne Teams aus dem Landkreis Pinneberg zunächst weiterlaufen zu lassen? Hätte man gegebenenfalls in den Ligen mit geringer Pinneberger Beteiligung diese Partien zu einem späteren Zeitpunkt nachholen können? Auch hier wäre es möglich gewesen, mit den Vereinen in Kontakt zu treten, bevor direkt eine Entscheidung getroffen wird.

Damit will ich nicht sagen, dass ich diese Optionen für gut oder nicht gut halte, sondern einfach nur noch mal betonen, wie wichtig eine offene und transparente Kommunikation ist. Verständnis folgt nur so.

Um die Entscheidung des Landkreises Pinneberg zu bewerten, darf man nicht stumpfsinnig argumentieren. Es muss differenziert betrachtet werden. Gibt es beim Fußball ein relevantes Infektionsrisiko? Nein! Werden die Verdachtsfälle und auch bestätigte Fälle rund um die Teams zunehmen, wenn die Zahlen weiter so hoch bleiben? Äußerst wahrscheinlich! Leidet darunter der Trainings- und Spielbetrieb aufgrund von Absagewellen? Ebenfalls wahrscheinlich!

Ich habe nur das Gefühl, dass es dem Landkreis Pinneberg bei der Entscheidung nicht darum geht, sondern einfach ein etwas trivialer Aktionismus die Triebfeder für diese Maßnahme war.

Ich kann die Entscheidung grundsätzlich verstehen. Und ich verstehe auch den Hamburger Fußball-Verband, dass er sich gezwungen sieht nachzuziehen. Niemals verstehen werde ich, wie sämtliche Parteien zum wiederholten Male in Sachen Kommunikation versagen.

Spagat auf Glatteis

Die Einschläge kommen näher, die Infektionszahlen nehmen zu, teilweise sogar deutlich. Während die ersten neuen Einschränkungen in anderen Teilen der Gesellschaft bereits greifen, rollt der Ball auf den Fußballplätzen zumindest an diesem Wochenende erst einmal weiter. Es ist ein Spagat auf Glatteis. Das geringe Risiko auf der einen und die wachsende Gefahr auf der anderen Seite. Eine Erklärung:

Experten sind sich soweit einig, dass für Fußballspieler auf dem Platz ein sehr geringes Risiko einer Infektion besteht. Es gibt so gut wie keine bekannten Fälle, dass im Rahmen des Fußballs (Platz und Kabine) eine Infektion stattgefunden hat. Das ist gut und wichtig. Vermutlich ist es auch der Grund dafür, dass der Hamburger Senat Freiluftsport zunächst weiterlaufen lässt, während der geplante Saisonstart zum Beispiel im Volleyball bereits verschoben wurde.

Ich weiß also als beteiligter Fußballer, dass ich auf dem Platz ein gutes Gewissen haben kann. Ich muss aber auch wissen, dass ich priviligiert bin, meinen Sport weiterhin ausüben zu können. Die Verantwortung eines jeden greift vor allem im Bereich der Kabine. Maske tragen im Innenraum ist ein Muss. Regeln sind unbedingt einzuhalten. Auch Mannschaftskreise vor und nach dem Spiel dürfen auch einfach mal ausfallen. Sieht man leider noch viel zu häufig.

So weit, so gut. Doch jetzt kommt der Spagat auf Glatteis. Bei steigenden Infektionszahlen nehmen zwangsläufig auch die Verdachtsfälle rund um Fußballmannschaften zu. Da muss man kein Mathe-Experte sein. Erstkontakt einer infizierten Person hier, Erstkontakt eines positiv getesteten da. Bedeutet: Das Training könnte häufiger ausfallen, Spiele ebenfalls. Das ist eingeplant, aber auch für diese Infektionsdynamik? Der Wettkampfrhythmus wird gestört und die Verantwortung damit umzugehen, liegt doch sehr auf Seiten der Mannschaften. Wann sage ich ein Training ab, wann ein Spiel? Lass ich alle testen oder reicht eine Isolation des betroffenen Spielers.

Während ich also im Fußball auf der einen Seite vom geringen Ansteckungsrisiko auf dem Platz profitiere, hat die Gesamtsituation mit den zunehmenden Infektionszahlen auf der anderen trotzdem eine Wirkung auf meinen Sport. Der Fußball ist schließlich nicht gesellschaftlich isoliert. Ich weiß, dass es niemand aus dem Amateurfußball hören will: Aber wie lange hält der Fußball diesem Druck stand?

Leben ja, vermeidbares Risiko nein!

Es ist eine andere Saison. Das ist zweifelsohne ein Fakt. Also sollten sich alle daran Beteiligten auch anders verhalten. Spieler, Trainer und Funktionäre müssen für sich eine Wahl treffen. Will ich möglichst lange und möglichst regelmäßig meinem Hobby nachkommen und unter der Woche sowie am Wochenende Fußballspielen? Oder will ich in meiner Freizeit alles so machen wie immer und unnötige Risiken für mich und meine Mitspieler eingehen?

Es ist eine besondere Zeit. Es gibt keine Normalität. Gerade jetzt. Die Infektionszahlen steigen und werden weiter steigen. Anders als noch im Frühjahr sind die Erkenntnisse über ein Infektionsrisiko auf dem Sportplatz aber vorhanden. Es ist sehr gering. Doch jeder Verdachtsfall eines Einzelnen hat Auswirkung auf eine ganze Gruppe von bis zu 30 Personen innerhalb einer Mannschaft, egal, wie hoch das Risiko einer Ansteckung während eines Fußballspiels ist.

Die Mechanismen sind mittlweile klar. Ein Verdachtsfall stoppt vorübergehend richtigerweise den Trainings- und Spielbetrieb einer Mannschaft. Deshalb finde ich, dass jeder, der seinem Hobby weiter nachkommen will, in der Freizeit das Risiko so gering wie möglich halten sollte. Natürlich kann ich mich überall anstecken. Natürlich darf ich nicht mein Leben einfrieren. Aber genießen wir im Vergleich zu anderen Ländern nicht fast schon einen freiheitlichen Luxus? Wir sehen unsere Jungs jede Woche auf dem Sportplatz? Wie geil ist das denn bitte? Es wäre falsch, dieses Privileg durch unnötige Bar-Besuche, große Familienfeiern und andere Leichtsinnigkeiten zu gefährden.

In kleinem Rahmen mit Freunden treffen, regelmäßig die Eltern besuchen oder die Freizeit mit seinem Partner verbringen – das ist doch gar nicht schlecht oder?

Und noch etwas: Ja, wir sind miteinander auf dem Trainingsplatz, jubeln gemeinsam nach einem Tor. Das Risiko einer Ansteckung ist hier aber bekanntlich sehr gering. Doch gehts in die Kabine oder einen Besprechungsraum, steigt das Risiko. Auch wenn man vorher beim Siegtreffer seinen Kumpel umarmt hat, sollte man ihm in der Kabine wieder mit Maske begegnen. Jeder muss verstehen, dass er durch Einhaltung der Regeln in geschlossenen Räumen das Infektionsrisiko innerhalb einer Mannschaft reduziert. Ein Fall innerhalb eines Teams ist schon blöd, aber Ansteckungen durch falsches Verhalten in der Kabine sind blöder.

Auf die Begrüßung per Handschlag oder gar Umarmung zu verzichten und in der Kabine eine Maske zu tragen, sind doch ziemlich geringe Opfer, um einfach weiter Fußballspielen zu können, oder?

Also, passt auf euch auf und trefft eine Entscheidung. Für euch und für eure Teamkollegen. Leben ja, vermeidbares Risiko nein!

Das kann nur Fußball

Es kribbelt am ganzen Körper. Der Puls steigt minütlich. Es ist erst September und doch zittere ich vor Anspannung. Was sich anfühlt wie die siebte Dose Energydrink in 23 Minuten ist das erste Punktspiel nach über einem halben Jahr Pause.

„Boah, habe ich das vermisst“, sage ich zu meinem Co-Trainer, um direkt hinterherzuschieben: „Und irgendwie auch nicht.“ Ich grinse. Ob das gesund ist? Der Körper reagiert auf das Geschehen auf dem Platz. Diese Gefühl entsteht nur durch das hier und durch nichts Anderes.

Wir geraten in Rückstand. Kurze Wut, kurze Verzweiflung, weiter. Der Puls steigt immer weiter, die Hände zittern. Das Herz klopft heftig gegen die Brust. Der Ausgleich. Regungslosigkeit. Dann die Führung. Jubel. Kurz darauf das 3:1. Ekstase. Der Puls beruhigt sich etwas. Halbzeit.

Jetzt funktioniert das Hirn wieder. Analyse, Handlungsoptionen, Motivation. Alles in 15 Minuten. Die Spieler nicken. Weiter. Der Gegner macht Druck, hat Chancen. Mein Herz reagiert mit klaren Zeichen in Richtung Brust. Dadamm, dadamm. Konter, 4:1. Wieder Ekstase. Dieses Mal mit ein paar Metern Laufen zum Torschützen. Der Puls fällt.

Noch ein paar Chancen hier, noch ein paar Gelegenheiten da. Der Puls bleibt konstant auf niedrigem Niveau. Abpfiff. Freude. Genießen. Ein paar Worte ans Team, Corona konformer Jubelkreis, Applaus für den Anhang. Kabine. Heimfahrt. Schlafen ist nach Abendspielen nicht möglich, also gehts mit 2-3 Spielern zum Co. Bierchen. Quatschen. Genießen. Der Körper fährt sich runter. Die Müdigkeit setzt ein, ab ins Bett.

Und das war nur das erste Saisonspiel. Mensch, habe ich dich vermisst, Fußball!