Der Tag für den Titel

Ein Moment, der für immer bleibt und süchtig macht

Eigentlich wäre ich heute morgen aufgewacht, aufgeregt und angespannt. Eigentlich hätte heute unser Pokalfinale stattfinden sollen, das wir als Halbfinalist zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs erreichen hätten können. Es ist egal, welchen Wettbewerb du als Sportler gewinnen kannst: den DFB-Pokal oder den Cup in deiner Amateurklasse. Der Tag für den Titel ist unvergesslich, der Gewinn einer Trophäe bleibt für immer.

Als Spielertrainer stand ich in zwei Finals. Beide Male hielt ich am Ende einen Pokal in den Händen. Als Jugendtrainer spielte ich mit meinen Jungs zweimal um hamburgweite Titel, in der U11 und in der U18. Beide Endspiele gingen verloren. Am Ende ist der Tag mit all seinen Emotionen und Erfahrungen das, was in Erinnerung bleiben wird. Doch mit einem Sieg im Rücken und einem Pokal im Gepäck bleibt diese Erinnerung für immer vollgepumpt mit Endorphinen.

Als wir 2014 mit den Herren im Endspiel des Holsten Pokals standen, gelang in der Rückrunde alles. Wir holten Punkt um Punkt auf, landeten noch auf Rang 2, gewannen die Aufstiegsrunde und bezwangen im Pokal mehrere höherklassige Gegner. Der enge Terminkalender mit vielen englischen Wochen steckte allen in den Knochen. Das sah man meiner Mannschaft über 120 Minuten an. Es war vermutlich unser schwächstes Spiel dieser Zeit. Aber sind das Endspiele nicht oft?

Ein Tag wie ein Film

Es ist etwas Besonderes: Die Anspannung nach dem Aufstehen, die Motivation, den Pokal unbedingt gewinnen zu wollen, das Ausmalen einer Titelfeier im Anschluss. Man fährt zum Platz, sieht die Jungs. Die Stimmung ist oberflächlich locker, innerlich sind alle angespannt. Nervös und aufgeregt zu sein, macht einen lebendig. Es ist vor dem Anpfiff das, was einem bei der Fokussierung hilft. Der Ablauf vor dem Spiel ist derselbe, die Worte in der Kabine sind andere. Es ist etwas mehr Pathos in der Ansprache. Ich bin überzeugt, dass das Betonen der Besonderheit noch einmal mehr Prozent herausholen kann, als das Herunterspielen dieses einen Spiels.

Die Musik in der Kabine ist laut. Hose, Stutzen und Aufwärmshirt werden angezogen. Die Jungs, die immer Witze machen, machen sie auch jetzt. Es geht raus auf den Platz, ein neutraler Spielort. Es sind Zuschauer da, die sonst nicht da sind. Es sind auch deutlich mehr als sonst. Dieses Gefühl, an diesem Tag so beobachtet zu werden, ist großartig. Nach dem Aufwärmen und einem letzten Einschwören in der Kabine gibt es kein zurück mehr. Auflaufen, Seitenwahl. Um den Platz herum ist alles voll mit Menschen. Es ist das vorerst letzte Mal für die nächsten zwei Stunden, dass man die Besonderheit des Tages, dieses einen Spiels so bewusst erlebt. Wenn der Schiedsrichter anpfeift, ist es ein normales Spiel, das man wie jedes einfach unbedingt gewinnen will. Verlängerung, Elfmeterschießen und dann die Entscheidung.

Erinnerungen, die für immer bleiben

Ich werde nie vergessen, wie der letzte Elfmeter des Gegners über das Tor fliegt und nach 120 Minuten, nach mehreren englischen Wochen noch ein letzter Sprint von der Mittellinie in Richtung unseres Torwarts im Tank ist. Ekstase. Umarmung des Kapitäns, der Spieler. Dieses Gefühl am Ziel zu sein, etwas gewonnen und erreicht zu haben. Etwas, das bleibt. Es hat Suchtpotenzial.

Es gibt ein Video von Jürgen Klopp nach dem gewonnenen Champions-League-Finale 2019. Nach dem Schlusspfiff läuft er mehrere Minuten über das Feld und herzt jeden seiner Spieler, jeden seines Staffs. Wenn ich dieses Video schaue, will ich wieder diesen Moment erleben. Zuletzt lief „The Last Dance“ bei Netflix. Wenn ich sehe, wie sechs Mal die letzte Sirene der jeweiligen Finalserie ertönt und erwachsene Männer über das Spielfeld hüpfen, will ich wieder diesen Moment erleben.

Eine Sehnsucht, die nie endet

Das Finale, das heute hätte stattfinden sollen, wäre nicht die Champions League gewesen und schon gar nicht die NBA. Aber in unserer Welt, der Welt des Amateurfußball ist es auch der Tag für den Titel. Nicht weniger Emotionen, nicht weniger Bedeutung für jeden, der an diesem Tag teilnimmt. Einer meiner jungen Spieler kam letztes zu mir und hat gesagt, dass er noch nie einen richtigen Titel gewonnen habe und es ihm egal wäre, welcher es wäre. Er wolle nur unbedingt einen Titel gewinnen. Ich weiß, warum er sich danach sehnt.

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